Bei der filmischen Heldenreise lernen wir am Anfang erst einmal den Helden kennen. Wir erfahren, wer sie oder er ist und in welcher Welt er oder sie lebt. Wer sind die anderen Protagonisten und vor welchen allgemeinen Herausforderungen stehen sie?
Wichtig ist, dass der Held noch kein besonderes Bewusstsein für die Gefahren und Probleme hat, die ihm und der Welt gegenüberstehen. Er erkennt wohl, dass es Ungerechtigkeiten gibt, dass Dinge verändert werden könnten, ist aber noch weit davon entfernt, sich selbst als jemanden zu sehen, der eingreifen sollte oder gar könnte.
Im Film…
In George Lucas‘Star Wars: Episode IV beginnt die Geschichte in einer Galaxis, die vom Imperium unterdrückt wird. Doch der junge Luke Skywalker lebt weit entfernt vom Zentrum des Geschehens – auf dem abgelegenen Wüstenplaneten Tatooine. Dort träumt er von Abenteuern in der weiten Galaxie, sieht sich jedoch nicht als jemand, der etwas bewirken könnte und hat daher nur sein Leben als Farmer vor Augen.
Was hat dies nun mit einer Entsendung zu tun? (Im Leben des Expats)
Als Mitarbeiter bewegt sich der Held beruflich längst in einer internationalen Welt: Er arbeitet mit Kolleg:innen, Partnern oder Kund:innen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. Trotzdem sieht er zunächst keinen Anlass, sein eigenes Verhalten oder seine Perspektive zu hinterfragen.
Ab und zu kommt es zu Problemen in der Zusammenarbeit. Man hört von Kolleg:innen, die „in China einfach nicht weiterkommen“ oder „in der französischen Niederlassung auf Granit beißen“. Aus der Sicht des Helden ist klar, dass Veränderungen nötig sind – bei den anderen. Die Chines:innen müssten sich anpassen. Die Französ:innen sollten doch bitte flexibler sein.
Und das scheint auch zu funktionieren. Denn im eigenen Umfeld gibt es viele verständnisvolle Menschen, die die Welt aus einer ganz ähnlichen Perspektive sehen und die eigenen Ansichten teilen. Unser Held ist zu diesem Zeitpunkt noch kein Held – zumindest nicht im interkulturellen Sinne. Aber wir wollen ihn oder sie trotzdem so nennen. Denn jede Heldenreise beginnt mit einem gewohnten Blick auf die Welt – und der Chance, diesen zu erweitern.
Was kann ein interkulturelles Training in dieser frühen Phase bewirken? (Unterstützung)
Manchmal werden Menschen zu einem interkulturellen Training eingeladen – ohne konkreten Anlass. Einfach zur Sensibilisierung, weil das Thema „irgendwann wichtig werden könnte“.
Doch was bewirkt so ein Training, wenn die persönliche Relevanz (noch) fehlt? Höchstwahrscheinlich nicht viel.
Kurz nach dem Training hat unser Held oder unsere Heldin allenfalls ein erhöhtes Wissen über das interkulturelle Zusammenleben, kennt vielleicht einige spezifische Kulturunterschiede und wie sie damit umgehen sollen. Im besten Fall ist dem Helden klar geworden, dass er selbst auch ein Kind seiner Kultur ist, und hat sich Gedanken darüber gemacht, was das überhaupt ist, die „eigene“ Kultur.
Aber dieses Wissen bleibt abstrakt. Es fehlt der konkrete Bezug, der unmittelbare Handlungsdruck. Und wie die Vergessenskurve von Hermann Ebbinghaus nahelegt (https://de.wikipedia.org/wiki/Vergessenskurve), wird vieles davon bald wieder verblassen – wenn es nicht verankert oder praktisch gebraucht wird.
Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Unser Held bekommt eine Nachricht. Er oder sie soll eine leitende Funktion im Ausland übernehmen. Und damit beginnt die nächste Etappe der Heldenreise – die Schwelle zum Abenteuer ist erreicht. Wie es dort weitergeht, erzählen wir im nächsten Teil.