Schwedische Signale verstehen


Schweden klagen oft, dass insbesondere Deutsche nicht richtig zuhören! Und das ist aus schwedischer Sicht grob unhöflich. Dass sie nicht zuhören, würden Deutsche natürlich nicht so sehen. Es ist aber ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie viele Signale der Schweden gar nicht wahrnehmen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Schweden sind zum einen sehr bescheiden und zurückhaltend in ihrer Kommunikation. Sie werden aber auch alles daransetzen, Sie nicht zu verletzen oder vor den Kopf zu stoßen. Das verbietet ihnen der omtanke, den sie mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Omtanke ist eine schwedische Wertvorstellung, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht und das menschliche Miteinander, auch am Arbeitsplatz, prägt. Es gibt im Deutschen weder eine direkte Entsprechung für das Wort noch für das Phänomen omtanke. Man könnte es vielleicht so umschreiben: Omtanke ist ein emotionales Bedürfnis, ein tiefer Wunsch, dass es dem anderen gut geht und er sich wohlfühlt.

Daraus folgt, dass Kritik oft in dezenten (Gegen-)Vorschlägen oder in Fragen verpackt wird. Und das nehmen wir deutschsprachigen Kontinentaleuropäer oft nicht als Kritik wahr.

Hören Sie auf das schwedische Nein!

So verhält es sich auch mit dem schwedischen Nein. In einer Verhandlung mit deutschsprachigen Vertretern kann es beispielsweise passieren, dass eine Seite verkündet, der Vorschlag sei unmöglich. Man könne dem unter keinen Umständen zustimmen.

Schweden denken genau dasselbe, sagen aber: ›(J)aaa, gar nicht so dumm. Da kann man ja mal drüber nachdenken.‹ Das ist das schwedische Nein, das wir aber oft gar nicht hören.

Also spitzen Sie Ihre Ohren für schwedische Kritik und das schwedische Nein, und bemühen Sie sich, sich selbst möglichst diplomatisch auszudrücken, um nicht als unhöflich oder gar aggressiv wahrgenommen zu werden. Denn auch Diskussionen laufen in Schweden anders.

Diskutieren Sie schwedisch!

Vielleicht haben Sie in der Schule ein Erörterungs- oder Diskussionsschema kennengelernt, das auch in Unternehmen Gang und Gebe ist: These-Antithese-Synthese. Also Rede und Gegenrede bis man zur Einigung kommt. Dieses Diskussionsschema ist in Schweden komplett unbekannt! Daher kann es passieren, dass Sie als unhöflich und aggressiv wahrgenommen werden, wenn Sie aus Ihrer Sicht ganz normal diskutieren. Ohne Rede und Gegenrede macht eine Diskussion im deutschsprachigen Raum ja gar keinen Spaß bzw. ist es gar keine Diskussion!

Anders in Schweden. Schweden diskutieren im Konsens! Das heißt, die These wird durch Fragen oder dezente Abwandlungen schrittweise geändert, bis man zum Schluss gemeinsam zu einem Konsens gelangt. Diese Art des Diskutierens ist Menschen aus dem deutschsprachigen Raum jedoch nahezu unmöglich. Das erklärt, warum es durchaus Missverständnisse geben kann, die vielleicht zunächst nicht einmal auffallen.

Achten Sie auf die Körpersprache!

Wie die verbale Kommunikation ist auch die Körpersprache in Schweden eher bescheiden und unaufgeregt. Mimik und Gestik sind zurückhaltend und selbstverständlich sollten Sie einen respektvollen physischen Abstand halten. Körperkontakt, wie z.B. vor Publikum jemandem auf die Schulter zu klopfen, ist unangemessen!

Sie selbst sollten natürlich, locker und authentisch auftreten. Niemand erwartet, dass Sie sich total umkrempeln. Aber versuchen Sie hin und wieder die schwedische Perspektive einzunehmen und zu schauen, welchen Eindruck Sie wohl auf die Schweden machen.

Im Gegenzug erscheint uns Kontinentaleuropäern der schwedische Vortragsstil mit zurückhaltender Mimik und Gestik sowie leiser Rede manchmal als ein wenig unengagiert und langweilig. Dies wäre jedoch ein Trugschluss. Schweden möchten sich einfach nicht hervortun, denn das wäre unhöflich.

Was uns manchmal ebenfalls irritiert, ist, dass Schweden z.B. während eines Vortrags die Hände nicht aus den Hosentaschen bekommen. Das ist wiederum auf dem Kontinent unerzogen. Diese Regel ist den Schweden jedoch völlig unbekannt. Die formale Höflichkeit, die man in den deutschsprachigen Ländern als ›gute Erziehung‹ betrachtet, fällt Schweden an uns angenehm auf, ist aber in Schweden keine gesellschaftliche Norm.

Also das ›schwedische Benehmen‹ nicht nach den eigenen Normen für Gestik, Mimik und formale Höflichkeit beurteilen und einfach versuchen wahrzunehmen, wie das Gegenüber seine Aussagen meinen könnte!

Schwedische Kommunikationsmuster berücksichtigen

Ganz egal in welchem Zusammenhang Sie in Schweden unterwegs sind und mit wem Sie es zu tun haben: Machen Sie sich bewusst, dass man in Schweden viele Dinge anders macht und einen anderen Wertemaßstab anlegt. Das, womit Sie im deutschsprachigen Raum als wichtig, kompetent und professionell wahrgenommen werden, kann in Schweden als besserwisserisch, unhöflich und aggressiv interpretiert werden.

Hier ein Beispiel aus der Praxis, zu welchen Konsequenzen es führen kann, wenn man sich der schwedischen Kommunikationsweise nicht bewusst ist und einfach seinen deutschen Kommunikationsmustern folgt:

In einem Training bei einem deutschen Zulieferer der Automobilindustrie wurde mir berichtet, dass in Kürze ein Gespräch beim Vorstand des schwedischen Kunden stattfinden solle. Diese Vorladung hatte die deutschen Ingenieure überrascht und wurde als beunruhigend empfunden. Es hatte bei dem Projekt immer wieder zeitliche Verschiebungen und Veränderungen gegeben, man fragte sich, warum die Situation auf einmal so stark eskaliert war?

Im Laufe des Trainings wurde den Ingenieuren bewusst, dass es während des gesamten Projekts immer wieder Fragen und Gesprächswünsche der schwedischen Seite gegeben hatte. Die Gespräche waren jedoch so nett und konstruktiv gewesen, dass die Anliegen der Schweden nicht so hoch priorisiert worden waren. Stattdessen hatte man für andere deutsche Kunden, die wegen jeder Kleinigkeit laut, deutlich und mit Nachdruck ihre Forderungen vortrugen, sofort und mit hoher Priorität Lösungen gefunden. Die deutsche Seite realisierte, dass sie aufgrund ihrer Gewöhnung an die deutsche nachdrückliche Kommunikationsart die leisen und indirekten Beanstandungen der Schweden gar nicht wahrgenommen hatte. So erklärte sich auch die vermeintlich plötzliche Eskalation und die Ladung zum Vorstandsgespräch.

Uta Schulz

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