Islamische Regeln und Traditionen in Saudi-Arabien

Saudi-Arabien verfügt über ein großes kulturelles Erbe mit zahlreichen Moscheen. Die 33 Millionen Saudis entstammen vielen verschiedenen ethnischen Gruppen, die auf der Arabischen Halbinsel beheimatet sind und eine gemeinsame saudische Kultur teilen. Laut der Volkszählung 2010 stellen saudische Staatsangehörige 74,1 % der Gesamtbevölkerung dar. Während die Amtssprache Arabisch ist, ist Englisch aufgrund der großen Präsenz ausländischer Arbeitskräfte recht weit verbreitet. 80 % der Saudis leben in den großen urbanen Zentren Riyadh, Jeddah und Dammam.

Das Haus Saud stellt die regierende Königsfamilie. Diese umfasst etwa 15.000 Mitglieder, aber die gesamte Macht und das große Vermögen haben etwa 2.000 Personen inne. Der König Saudi-Arabiens ist Staatsoberhaupt und verfügt über eine fast absolute politische Macht. Das von ihm ernannte Kabinett umfasst viele enge Verwandte und Vertraute.

Erst Muslim, dann Araber

Als Geburtsstätte des Islam ist Saudi-Arabien auch als heiliges Land der Muslime bekannt. Viele Muslime aus der ganzen Welt kommen hierher, um zu pilgern. Saudis definieren sich zunächst als sunnitische Muslime, die nach der strengen Leher des Wahhabismus leben, und dann als Araber. Sie folgen den islamischen Gesetzen, während viele ihrer Traditionen Jahrhunderte alt sind und der arabischen Zivilisation entstammen.

Fünfmal täglich werden Saudis von den Minaretten im ganzen Land zum Gebet aufgerufen. Da Freitag der heiligste Tag ist, ist das Wochenende Freitag-Samstag.

Die saudische Kultur schreibt zudem eine einheitliche Kleidung vor: Frauen tragen in der Öffentlichkeit die Abaya, einen langen schwarzen Umhang, der alles bedeckt mit Ausnahme von Händen und Gesicht. Ein Gesichtsschleier, wie der sogenannte niqāb, ist optional oder nur in bestimmten Regionen ein Muss. Unter der Abaya tragen viele Araberinnen Kleidung im westlichen Stil.

Männer tragen ein weißes Gewand, thobe oder thawb, während der heißen Monate, und Gewänder aus Wolle in dunklen Farben in der kälteren Jahreszeit. Zu besonderen Anlässen tragen sie über der thobe lange Gewänder mit Goldstickerei, die als bisht oder mishlah bezeichnet werden. Die Kopfbedeckung eines Saudis besteht aus einer weißen Kappe, tagia, und einem quadratischen Tuch, gutra, das mit einer doppelten schwarzen Kordel, igal, a befestigt wird. T-shirts und Jeans als Frezeitkleidung sind insbesondere in Jeddah mittlerweile aber auch etabliert.

Isamische Regeln

Das islamische Recht wird in Saudi-Arabien streng verfolgt, es gibt viele Regeln zu beachten. Allgemein bekannt ist, dass der Konsum von Alkohol sowie der Verzehr von Schweinefleisch verboten sind. Sie sollten unter keinen Umständen versuchen, Schweinefleischprodukte oder Alkohol (auch keine typischen Präsente wie Wein oder Pralinen etc.) nach Saudi-Arabien mitzubringen. Nicht einmal Mundwasser sollte im Gepäck sein, da es Alkohol enthält.

Während des Ramadans gibt es viele weitere Regeln, die eingehalten werden müssen. Muslime dürfen tagsüber überhaupt nicht essen und trinken. Als Ausländer wird von Ihnen nicht erwartet, dass Sie ebenfalls streng fasten, aber Sie dürfen trotzdem nicht in der Öffentlichkeit essen oder trinken. In einigen Einkaufszentren gibt es vielleicht einen offenen Imbiss, aber der Laden hat Jalousien, die den Blick versperren. Außerdem sollten Sie nicht mit erhobener Stimme sprechen, laute Musik hören oder Emotionen zeigen.

In Saudi-Arabien gibt es aber auch Saudis, die im Ausland gelebt haben und etwas offener oder sogar wirklich modern-westlich und überhaupt nicht religiös eingestellt sind. Einige werden alles tun, was sie eigentlich nicht tun sollten. So ist der Islam überall im täglichen Leben Saudi-Arabiens präsent, aber es kommt immer auch darauf an, wie er individuell interpretiert wird.

Darüber hinaus gibt es einen großen Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Leben. Zum Beispiel kann man in Saudi-Arabien nirgendwo Alkohol kaufen und es gibt sicherlich keine öffentlichen Plätze, wo man etwas Alkoholisches trinken kann. Doch viele Saudis und Ausländer produzieren ihren eigenen Alkohol zu Hause. Dies wird offiziell nicht gefördert, aber schweigend toleriert, da das Heim als privater Ort betrachtet wird.

Wie streng die islamischen Regeln ausgelegt werden, hängt auch davon ab, wo man sich befindet – Jeddah ist nicht so streng islamisch wie z.B. Riad – und in einem Expat-Compound ist ohnehin alles viel entspannter als in einem saudischen Viertel. Achten Sie also immer darauf, wo Sie sich gerade befinden, und wenn Sie eine der vielen Grauzonen verlassen, seien Sie darauf bedacht, alle Regeln wieder einzuhalten.

Keine Meinungsfreiheit

Es gibt keine Meinungsfreiheit in Saudi-Arabien. Seien Sie also sehr vorsichtig, über welche Themen Sie in der Öffentlichkeit sprechen. Kritisieren Sie beispielsweise niemals die königliche Familie. Es ist auch nicht erlaubt, Fotos von Regierungsgebäuden oder Palästen zu machen.

Bezeichnen Sie Israel nicht als Land. In der muslimischen Welt heißt dieses Land Palästina. Erwähnen Sie niemals etwas wie „Diese Menschen in Israel verdienen ein eigenes Land.“ Ebenso tabu ist es, über den Bürgerkrieg im Jemen zu sprechen. Auch der Iran ist aufgrund der unterschiedlichen Schulen des Islams ein schwieriges Thema: Iraner sind überwiegend Schiiten, während Saudis Sunniten sind. Und es gibt derzeit eine diplomatische Pattsituation mit Katar.

Einige Saudis werden versuchen, Sie zum Islam zu bekehren, indem sie Ihnen Videos auf ihrem Smartphone zeigen und darüber reden möchten. Während sie es respektieren werden, wenn Sie sagen, dass Sie Christ sind, sollten Sie trotzdem sehr vorsichtig und respektvoll sein. Zeigen Sie Interesse an islamischen Themen, weil es Ihren saudischen Gesprächspartnern einfach so wichtig ist. Diskutiere aber nicht über den Islam oder argumentieren Sie nicht, warum Sie mit islamischen Regeln nicht einverstanden sind.

Im Internet sollten Sie besser keine Seiten aufrufen, die kontroverse Inhalte enthalten könnten. Die meisten dieser Seiten werden bereits von der saudischen Regierung geblockt, aber vermeiden Sie sicherheitshalber auch kritische Nachrichtenseiten, Seiten über Menschenrechte oder Pornoseiten. Alles, was kontrovers zu islamischen Regeln oder saudischer Politik sein könnte, sollten Sie sich nicht ansehen. Social Media ist zugelassen, aber seien Sie trotzdem vorsichtig mit dem, was Sie posten.

Geschlechterrollen

In einem islamischen Land wie Saudi-Arabien müssen Frauen bescheiden auftreten und sich in der Öffentlichkeit verschleiern. Das Gesetz verlangt von ihnen, dass sie für viele Handlungen erst die Erlaubnis eines Mannes (Vater, Bruder, Ehemann) einholen. Polygamie existiert noch, daher gibt es Saudis, die mehrere Frauen und viele Kinder haben.

Aber das hindert nicht alle saudischen Frauen daran, zu studieren, zu arbeiten oder täglich aus dem Haus zu gehen. Saudi-Arabien hat sich in den letzten Jahren stark verändert, und es gibt immer mehr gut ausgebildete Frauen, die in hoch angesehenen Berufen arbeiten. Frauen können auch einen Fahrer engagieren oder ein Taxi nehmen, sofern sie nicht zur jüngeren Generation gehören, die seit 2018 Fahrstunden nehmen und alleine Auto fahren dürfen.

Dennoch ist die strenge Wahhabismus-Doktrin des Islam bekannt für ihre Regeln der Geschlechtertrennung. Männer und Frauen in Saudi-Arabien leben ein separates öffentliches Leben.

Wenn Sie z.B. in einer Gruppe in ein Restaurant gehen, gibt es in der Regel einen Bereich für Männer und einen für Frauen. Und selbst wenn in einigen Lokalitäten die Regeln weniger strikt sind, möchten viele saudische Frauen trotzdem lieer separat essen. Auch beim Anstehen in Geschäften oder Behörden gibt es eine Schlange für Frauen und eine für Männer. In Bekleidungsgeschäften wird es keine Umkleideräume für Frauen geben, da diese sich in der Öffentlichkeit nicht ausziehen dürfen. Sie müssen also zuerst die Kleidung im Laden kaufen, um sie dann zu Hause anzuprobieren. Falls etwas nicht passt, wird es umgetauscht.

Frauen dürfen auch nicht mit einem Mann, mit dem sie nicht verheiratet sind, in der Öffentlichkeit herumlaufen. Als Ehepaar sollten Sie daher beim Ausgehen immer Ihre Heiratsurkunde mit sich führen. Autos mit einem männlichen und einer weiblichen Insassin können an einem Kontrollpunkt angehalten und nach ihrer Heiratsurkunde gefragt werden. Sobald eine Frau verheiratet ist, steht in ihrem Personalausweis – oder im Falle von Ausländerinnen in der Aufenthaltserlaubnis – mit wem sie verheiratet ist.

Als Frau alleine mit einem männlichen Kollegen zum Mittagessen zu gehen, ist daher eine riskante Sache, sofern Sie von der Polizei angehalten werden. Um solche unglücklichen Situationen zu vermeiden, sollten Sie immer in einer Gruppe gehen, es ist viel einfacher, wenn zum Beispiel zwei Männer und zwei Frauen zusammen unterwegs sind. Wenn Sie als Frau mit einem männlichen Kollegen zu einem Termin fahren müssen, ist es am besten, ein Taxi zu nehmen. Der Mann sollte vorne neben dem Fahrer und Sie als Frau alleine hinten auf der Rückbank sitzen.

Alles in allem geht es darum, vorsichtig zu sein. Meistens wird alles problemlos verlaufen, aber je nach den äußeren Umständen könnten Sie ungewollt in eine schwierige Situation geraten. Daher ist es empfehlenswert, missverständliche Konstellationen von vorneherein zu vermeiden.

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