{"id":9197,"date":"2021-04-06T19:22:32","date_gmt":"2021-04-06T17:22:32","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=9197"},"modified":"2024-03-07T22:27:07","modified_gmt":"2024-03-07T22:27:07","slug":"kommunikation-funktioniert-in-japan-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/kommunikation-funktioniert-in-japan-anders\/","title":{"rendered":"Kommunikation funktioniert in Japan anders"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Tipps-fuer-Japan.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9210\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer schon mal in Japan oder mit Japanern gearbeitet hat, kennt das Gef\u00fchl vielleicht: man wei\u00df nie so richtig, woran man ist. Teilnehmer in unseren <a href=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/interkulturelle-trainings\/\">interkulturellen Trainings<\/a> lernen immer wieder: Direkte Fragen f\u00fchren zu ausweichenden Antworten und direkte Kritik f\u00fchrt zu Gesichtsverlust auf japanischer Seite, was das Ende der Gesch\u00e4ftsbeziehung bedeuten kann.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Luft lesen k\u00f6nnen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Woran liegt das? Zum einen funktioniert Kommunikation in Japan tats\u00e4chlich komplett anders, als wir es in Deutschland gewohnt sind, n\u00e4mlich indirekt \u2013 oder, wie man es in den Kommunikationswissenschaften nennt, \u201ehigh context\u201c. Was hei\u00dft das nun genau? W\u00e4hrend wir es gewohnt sind, das, was wir meinen auch tats\u00e4chlich zu sagen, verst\u00e4ndigt man sich in High-Context-Kulturen indirekt \u2013 \u00fcber den Kontext eben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beispiel: Wenn Ihr japanischer Nachbar Sie auf Ihr klangvolles Klavierspiel anspricht, dann will er wahrscheinlich nicht etwa mehr davon.&nbsp;Er m\u00f6chte Ihnen m\u00f6glicherweise mitteilen, dass er sich dadurch gest\u00f6rt f\u00fchlt. Freuen Sie sich stattdessen aber \u00fcber das nette Kompliment und spielen jetzt noch h\u00e4ufiger, w\u00e4ren Sie nach japanischer Auffassung eindeutig &#8222;KY&#8220;. KY (das wird auch in Japan englisch ausgesprochen) steht dabei f\u00fcr &#8222;kuuki yomenai&#8220; \u2013 &#8222;die Luft nicht lesen k\u00f6nnen&#8220;, gemeint ist also jemand, der implizite Hinweise nicht versteht und nicht zwischen den Zeilen lesen kann.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Leuchtende Augen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Beispiel (hier habe ich mich bei Erin Meyer* bedient): Eine amerikanische Beraterin&nbsp;fragt im Anschluss an ihren Vortrag ihre japanischen Zuh\u00f6rer, ob sie denn noch Fragen oder Anmerkungen h\u00e4tten?&nbsp;Niemand meldet sich zu Wort. Nat\u00fcrlich geht die Amerikanerin davon aus, es h\u00e4tte wohl niemand etwas zu sagen. Bis ihr japanischer Kollege sie vorsichtig darum bittet, ob er vielleicht noch einmal in die Runde fragen d\u00fcrfe. Das macht er dann und anstatt auf eine Wortmeldung zu warten, sieht er aufmerksam von Person zu Person, bis er schlie\u00dflich einen der Japaner direkt anspricht und ihn um seine Meinung bittet. Tats\u00e4chlich hatte er etwas Spannendes beizutragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anschluss erkl\u00e4rt der japanischen Kollegin der Amerikanerin, die Augen dieses Teilnehmers h\u00e4tten geleuchtet.&nbsp;Deshalb habe er gewusst, dass er ihn ansprechen konnte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Japan ist eine \u201eKultur des Ratens\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gegenst\u00fcck zu KY w\u00e4re dann \u201esasshi\u201c, was grob mit \u201eraten\u201c \u00fcbersetzt werden kann. Japan wird in Kulturbeobachtungen h\u00e4ufig eine \u201eKultur des Ratens\u201c genannt (sasshi no bunka). Kinder werden schon in jungen Jahren darauf hintrainiert, die Gef\u00fchle anderer zu erraten und entsprechend zu reagieren. Dazu geh\u00f6rt die Wahrnehmung von Gesten genauso wie das H\u00f6ren des Tonfalls und das Erkennen feiner sprachlicher Nuancen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Lob als Kritik<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr uns Deutsche ist das ausgesprochen schwierig, sind wir es doch vielmehr gewohnt, Kritik zu \u00e4u\u00dfern und unsere Meinung offen auszusprechen. Zumindest ist dies durchaus ein kulturelles Ideal. Wie kommuniziere ich also mit Japanern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Richtlinien gibt es, an denen man sich entlang hangeln kann: Vermeiden Sie so gut es geht einen einzelnen Japaner herauszustellen, sei es f\u00fcr Kritik oder f\u00fcr Lob. Lieber loben bzw. kritisieren Sie das ganze Team, auch wenn uns das erst einmal ungerecht erscheinen mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Tipp verlangt schon etwas \u00dcbung: Loben Sie das, was in Ordnung war&nbsp;&#8211; und wenn es ein noch so unwesentlicher Aspekt ist&nbsp;&#8211; und sagen Sie nichts weiter. Ihr japanisches Gegen\u00fcber wird sofort die implizite Kritik verstehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schl\u00fcsselfaktor Konsens<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb die Zusammenarbeit nicht selten ins Stocken ger\u00e4t. Japan ist \u2013 anders wie man wahrscheinlich erwarten w\u00fcrde \u2013 nicht im gleichen Ma\u00dfe hierarchieorientiert wie beispielsweise China. Wenn es um Gesch\u00e4ftsentscheidungen geht, legt man gr\u00f6\u00dften Wert auf Konsens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Konsensbildung wurde ein einzigartiges System entwickelt: das Ringi-System. Ab der mittleren F\u00fchrungsebene werden Vorschl\u00e4ge gesammelt, \u00fcberarbeitet, besprochen, weiter \u00fcberarbeitet und erst, wenn jeder innerhalb dieser Gruppe seinen Namensstempel auf den Vorschlag gedr\u00fcckt hat, wird er an die n\u00e4chsth\u00f6here Ebene weitergereicht. Das geht bis hinauf in die oberste F\u00fchrungsetage, wo dann der Vorschlag nur noch durchgewunken wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Will man also in einen Entscheidungsprozess eingreifen, sollte man das in Japan m\u00f6glichst fr\u00fch tun. Hat ein Vorschlag erst einmal den Vorstand erreicht, ist er meist bereits in Zement gegossen. Das trifft heutzutage allerdings vor allem noch auf die gro\u00dfen und traditionell gef\u00fchrten Unternehmen zu, weniger auf die jungen Start-ups und Agenturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><br>*Erin Myer, The Culture Map: Decoding How People Think, Lead, and Get Things Done Across Cultures<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer schon mal in Japan oder mit Japanern gearbeitet hat, kennt das Gef\u00fchl vielleicht: man wei\u00df nie so richtig, woran man ist. Teilnehmer in unseren interkulturellen Trainings lernen immer wieder: Direkte Fragen f\u00fchren zu ausweichenden Antworten und direkte Kritik f\u00fchrt zu Gesichtsverlust auf japanischer Seite, was das Ende der Gesch\u00e4ftsbeziehung bedeuten kann. 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