{"id":2865,"date":"2015-11-09T21:20:26","date_gmt":"2015-11-09T20:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.crossculture-academy.com\/?p=2865"},"modified":"2024-03-07T22:27:05","modified_gmt":"2024-03-07T22:27:05","slug":"leben-in-england-wenn-strumpfhosen-den-grossen-unterschied-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/leben-in-england-wenn-strumpfhosen-den-grossen-unterschied-machen\/","title":{"rendered":"England &#8211; Wenn Strumpfhosen den gro\u00dfen Unterschied machen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/England-Strumpfhosen_37908263_s.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2871 alignleft\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/England-Strumpfhosen_37908263_s-201x300.jpg\" alt=\"England Strumpfhosen_37908263_s\" width=\"201\" height=\"300\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Im Ausland unterwegs, versuche ich m\u00f6glichst viel von Land und Leuten mitzubekommen und m\u00f6glichst wenigen anderen Touristen, insbesondere deutschsprachigen, zu begegnen. Seit einigen Monaten lebe ich nun mit meinem Mann und unserem f\u00fcnfzehn Monate alten Sohn in einer mittelgro\u00dfen Universit\u00e4tsstadt in der N\u00e4he von London. Unter allen vorstellbaren Entsendungszielen geh\u00f6rt England wohl zu den \u201eleichtesten\u201c L\u00e4ndern: Ein europ\u00e4ischer Nachbarstaat mit einem vergleichbaren gesellschaftlichen System, einer beherrschbaren Sprache und nur ein bis zwei Flugstunden von Deutschland entfernt. Noch dazu sind die Engl\u00e4nder meiner Erfahrung nach gastfreundlich, offen und Meister des Small Talks, sodass es mir nirgendwo sonst auf der Welt leichter gefallen ist als hier, mit \u201eLocals\u201c ins Gespr\u00e4ch zu kommen und neue Kontakte zu kn\u00fcpfen. Ich mag den englischen Humor und auch alle sonstigen Eigenheiten der Briten. Meinem neuen Leben in England steht eigentlich nichts im Weg. Und dennoch: Auf einmal genie\u00dfe ich es mehr denn je, auf andere Deutsche zu treffen. Wie kann das sein???<\/p>\n<h4>Heimisch werden<\/h4>\n<p>Nach mehreren zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalten ist mein Umzug auf die Insel auf Dauer angelegt. Mein Mann ist bereits seit rund 20 Jahren hier und beruflich fest verankert. Mit unserem Sohn in England angekommen, unternehme ich daher einiges, um uns beide m\u00f6glichst schnell heimisch werden zu lassen: Wir erkunden die Gegend, gehen zu verschiedenen Spielgruppen und ich halte Pl\u00e4uschchen mit Nachbarn und anderen M\u00fcttern auf dem Spielplatz. Abends habe ich meinem Mann fast immer etwas zu berichten, das am Leben in England irgendwie anders ist. Meist resultieren diese Feststellungen aus lustigen Begebenheiten, merkw\u00fcrdigen Gespr\u00e4chen oder Kleinigkeiten, die mir einfach irgendwo aufgefallen sind.<\/p>\n<h4>Strumpfhosen, S\u00fc\u00dfigkeiten und ein Feueralarm<\/h4>\n<p>Ab und an gibt es aber auch Dinge, die mich l\u00e4nger besch\u00e4ftigen. So mache ich beispielsweise immer wieder die Beobachtung, dass englische Kinder trotz frostigem Herbstwetter in Sommerkleidern oder kurzen Hosen durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone springen. Ich k\u00e4mpfe permanent gegen meinen Mutterinstinkt an, damit ich nicht in einem unbeobachteten Moment schnell die Baumwolldecke \u00fcber die nackten blau-roten Beinchen des neugeborenen Babys ziehe, das eigentlich recht friedlich in seinem Kinderwagen schl\u00e4ft. Am liebsten w\u00fcrde ich \u00fcberall Strumpfhosen verteilen oder Hosenbeine runterziehen. Ich versuche, mich an den Anblick zu gew\u00f6hnen und meine Besorgnis zu verdr\u00e4ngen \u2013 bis mein Sohn zwei Nachmittage pro Woche in eine englische Krippe geht.<\/p>\n<p>Dort wird eine strikte \u201eFresh Air Policy\u201c verfolgt, die zur St\u00e4rkung des Immunsystems der Kinder beitragen soll. Meines Erachtens dient sie mehr dazu, \u00fcber die undichten Fenster des alten viktorianischen Geb\u00e4udes und die stets kalten R\u00e4ume hinwegzut\u00e4uschen. Nach drei Erk\u00e4ltungen ziehe ich Junior bei jedem Krippenbesuch Strumpfhosen und einen dicken Pullover an. Den Pullover ziehen ihm die Betreuerinnen sofort \u2013 nachdem ich gegangen bin \u2013 wieder aus, wie ich sp\u00e4ter erfahre. Die Strumpfhose muss er jedoch anbehalten, da er keine anderen Socken dabei hat. Immerhin lassen sie ihn nicht barfu\u00df herumtollen. Ich wei\u00df, dass er nicht schwitzt und bleibe daher trotz st\u00e4ndiger Hinweise, dass es doch drinnen so warm sei, standhaft. Winterwoche f\u00fcr Winterwoche bringe ich ihn dick angezogen in die Krippe, versuche Sweatshirts, Pullunder und Strickjacken unterschiedlichster Art, und hole ihn am Abend wieder ohne Pullover, aber immerhin mit Strumpfhose ab.<\/p>\n<p>Nachgeben muss ich hingegen sehr schnell beim Thema S\u00fc\u00dfigkeiten. In den Krabbelgruppen, die wir regelm\u00e4\u00dfig am Vormittag besuchen, bekommen auch die Babys stets Schokolade und Kekse. Anfangs stopfe ich die S\u00fc\u00dfigkeiten noch schnell heimlich in meinen Mund, da ich einerseits nicht unh\u00f6flich erscheinen und die angebotenen Leckereien ablehnen, andererseits, deutsch gepr\u00e4gt auf gesunde Kinderern\u00e4hrung achtend, meinem Sohn noch nichts S\u00fc\u00dfes geben m\u00f6chte. W\u00e4hrend mein Kind von meiner raffinierten Vermeidungstaktik nichts mitbekommt, werde ich schon bald von einem kleinen M\u00e4dchen entlarvt. Sie setzt sich vor meinen Sohn auf den Boden und f\u00fcttert ihn liebevoll mit ihrem Marsriegel. Dabei schaut sie ihn und mich an, als w\u00fcrde sie sagen wollen: \u201eDu armer, armer kleiner Junge aus Deutschland. Deine Mutter isst dir ja alle S\u00fc\u00dfigkeiten weg.\u201c Die Szene ist so hinrei\u00dfend, dass ich nicht eingreifen m\u00f6chte \u2013 obwohl mich ihr missbilligender Blick doch stark an die Erzieherinnen in der Krippe erinnert\u2026 Mein Sohn darf jedenfalls ab sofort in den Spielgruppen S\u00fc\u00dfigkeiten essen \u2013 und greift nun jedes Mal beherzt zu. Wir leben schlie\u00dflich in England.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich keine der englischen M\u00fctter allzu gro\u00dfe Sorgen \u00fcber Erk\u00e4ltungen oder \u00dcbergewicht ihrer Spr\u00f6sslinge macht, scheint die Angst vor Feuer doch sehr gro\u00df zu sein. Mit Erstaunen nehme ich daher in der Krabbelgruppe unserer Kirche an einer Feuer\u00fcbung teil. Der etwa 25qm gro\u00dfe Nebenraum hat nur einen Ausgang und die beiden Fenster sind ebenerdig. Die Fluchtwege f\u00fcr den Notfall erscheinen daher eindeutig, finde ich. Dennoch werden wir vom Pfarrer genaustens dar\u00fcber informiert, wo sich die drei Notausg\u00e4nge befinden, und dass wir im Falle eines Feuers alle zusammen durch die T\u00fcr nach drau\u00dfen gehen, um uns vor dem Kirchenportal, dem fire assembly point, zu versammeln. Er dr\u00fcckt dann mit ernster Miene auf einen roten Knopf an der Wand und der Feueralarm schrillt los. Die zehn M\u00fctter der Krabbelgruppe schnappen ihre Babys und rennen etwas unkoordiniert aus dem Raum. Auch ich rei\u00dfe meinen Sohn an mich und laufe geschwind hinterher. Wir stehen dann rund 20 Minuten drau\u00dfen vor der Kirche und freuen uns, dass das alles so gut geklappt hat. Es ist eisig kalt und ich bin wieder mal froh, dass mein Sohn seine Strumpfhose anhat.<\/p>\n<h4>Die denken so wie ich<\/h4>\n<p>Dann kommt der Abend, an dem ich zum ersten Mal zu einem Treffen einer Gruppe deutscher M\u00fctter gehe, die alle hier in der Gegend leben und ab und an gemeinsam etwas unternehmen. Ich bin gespannt, wie das so sein wird, finde aber eigentlich, dass ich auch weiterhin mehr Engl\u00e4nder kennenlernen sollte, um mich hier richtig einzuleben.<\/p>\n<p>Wir treffen uns in einem Pub und die Unterhaltungen werden sehr schnell sehr lustig, denn ich bin nicht die einzige, die erz\u00e4hlenswerte Erfahrungen \u00fcber das Leben in England gemacht hat. Als ich zu meinen ersten Eindr\u00fccken in der neuen Heimat gefragt werde und beispielsweise von der \u201eFresh Air Policy\u201c in der Krippe erz\u00e4hle, fangen alle an zu lachen. Wie sich herausstellt, zieht jede der deutschen M\u00fctter ihren j\u00fcngeren Kindern Strumpfhosen an und jede hat das bereits in der Krippe oder im Kindergarten massiv verteidigen m\u00fcssen! Und jede hat sich bereits vor langer Zeit damit abgefunden, dass hier die Kinder mit S\u00fc\u00dfigkeiten geradezu bombardiert werden. Au\u00dferdem h\u00f6re ich, dass ich in Zukunft noch an vielen, vielen weiteren Feuer\u00fcbungen werde teilnehmen\u2026 Ich lehne mich zur\u00fcck und genie\u00dfe den Abend \u2013 und alle folgenden Treffen.<\/p>\n<h4>Das Gruppengef\u00fchl<\/h4>\n<p>Obwohl mir mein Leben in England wirklich gef\u00e4llt, tut mir die Gruppe deutscher M\u00fctter so gut. Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Sicherlich tr\u00e4gt das Sprechen der deutschen Sprache zu dem entspannten Gef\u00fchl bei. Aber es ist wohl mehr das Teilen so mancher kleiner Befremdlichkeit und die vielen Ber\u00fchrungspunkte, die sich durch \u00e4hnliche Grund\u00fcberzeugungen und Erfahrungen ergeben. Ob mein Sohn Strumpfhosen anzieht oder nicht, w\u00e4re in Deutschland f\u00fcr mich kein Thema gewesen. Hier haben sie jedoch pl\u00f6tzlich eine Bedeutung bekommen, weil ich damit ganz unerwartet angeeckt bin und mich pl\u00f6tzlich in einer Au\u00dfenseiterposition wiedergefunden habe. Wie angenehm ist es dann, auf andere zu treffen, die diese Ansicht teilen und ihren Kindern auch Strumpfhosen anziehen \u2013 so l\u00e4cherlich das auch klingen mag.<\/p>\n<p>\u201eDenn fremd ist der Fremde nur in der Fremde\u201c, f\u00e4llt mir dazu das ber\u00fchmte Karl-Valentin-Zitat ein. \u201eUnd warum f\u00fchlt sich ein Fremder nur in der Fremde fremd? Weil jeder Fremde, der sich fremd f\u00fchlt, ein Fremder ist und zwar so lange, bis er sich nicht mehr fremd f\u00fchlt, dann ist er kein Fremder mehr.\u201c Gemeinsamkeiten und die Unterhaltungen dar\u00fcber haben ausgereicht, um mich einer Gruppe unbekannter Menschen verbunden zu f\u00fchlen. Die deutschen M\u00fctter haben mir ein Fremdheitsgef\u00fchl genommen, das ich zuvor gar nicht so wirklich wahrgenommen hatte. Nun st\u00e4rkt mir die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter den R\u00fccken, um das \u201eAndersdenken\u201c im Krippenalltag tapfer beizubehalten. Insgeheim bilden wir eine Fraktion der Strumpfhosen-M\u00fctter in einer fremden Welt blau gefrorener Kinderbeinchen. Im Grunde genommen ist das wie jede andere Gruppenbildung, die geschieht, weil sich Menschen von anderen Menschen unterscheiden, sei es durch Religion, Nationalit\u00e4t, Interessen oder was auch immer.<\/p>\n<h4>Das Fremde aus verschiedenen Blickwinkeln<\/h4>\n<p>Am vergangenen Wochenende war ich in London unterwegs, wo ich mich nach wie vor wie im Urlaub f\u00fchle und es einfach genie\u00dfe, neue Stadtteile und Stra\u00dfen zu erkunden. In der U-Bahn befand ich mich jedoch pl\u00f6tzlich inmitten einer deutschen Reisegruppe \u2013 und f\u00fchlte mich von meinen Landsleuten sofort sehr gest\u00f6rt. Mit dieser sehr vertrauten Reaktion und meinen neuen Erfahrungen im Kreis der deutschen M\u00fctter komme ich schlie\u00dflich zu einer Antwort auf die anfangs gestellte Frage, warum ich pl\u00f6tzlich so gerne auf Deutsche treffe. Ich denke, der Unterschied ist einfach, dass das Fremde im Urlaub etwas Faszinierendes hat, es weckt Abenteuerlust und macht den Aufenthalt spannend. Trifft man dort auf andere Deutsche, ist diese Faszination jedoch schnell verschwunden. Man wird an Zuhause erinnert und gedanklich wieder in sein normales Umfeld zur\u00fcckkatapultiert. Lebt man jedoch im Ausland, k\u00f6nnen andere Deutsche einem etwas von der Fremdheit nehmen, die man stets zu \u00fcberwinden sucht, um sich vor Ort einzuleben. Ein Abend unter Deutschen hilft dann sehr, sich ein wenig von dem allt\u00e4glichen Fremdsein zu erholen und sich immer ein wenig mehr zu Hause zu f\u00fchlen. Denn man ist in der Fremde nur so lange fremd, wie man sich fremd f\u00fchlt\u2026<\/p>\n<h4>Nachtrag<\/h4>\n<p>Dieser Artikel ist im Jahr 2008 entstanden. Mittlerweile ist mein Sohn acht\u00a0Jahre alt und geht zur Schule, t\u00e4glich in Schuluniform. Von M\u00e4rz bis Oktober tr\u00e4gt er bei jedem Wetter kurze Hosen. Erk\u00e4ltet ist er fast nie, Frieren ist f\u00fcr ihn ein Fremdwort. Es war wohl f\u00fcr die englische Abh\u00e4rtung doch noch nicht zu sp\u00e4t. In ein paar Wochen startet unser J\u00fcngster in der Krippe. Es ist November und wir sind bisher sehr gut ohne Strumpfhose ausgekommen. Wir haben uns offensichtlich gut eingelebt.<\/p>\n<p>\u00a9 123rf.com\/Andrey Armyagov\u00a037908263<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Ausland unterwegs, versuche ich m\u00f6glichst viel von Land und Leuten mitzubekommen und m\u00f6glichst wenigen anderen Touristen, insbesondere deutschsprachigen, zu begegnen. Seit einigen Monaten lebe ich nun mit meinem Mann und unserem f\u00fcnfzehn Monate alten Sohn in einer mittelgro\u00dfen Universit\u00e4tsstadt in der N\u00e4he von London. 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