{"id":15229,"date":"2022-03-25T10:38:38","date_gmt":"2022-03-25T09:38:38","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=15229"},"modified":"2024-09-18T12:02:14","modified_gmt":"2024-09-18T12:02:14","slug":"interview-japanisches-krisenmanagement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/interview-japanisches-krisenmanagement\/","title":{"rendered":"Interview: Japanisches Krisenmanagement"},"content":{"rendered":"\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Japanisches-Krisenmanagement-300x89-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15230\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Dass sich Japaner in Krisensituationen anders verhalten als Deutsche wurde sp\u00e4testens mit den schockierenden Bildern der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 sichtbar. Wie l\u00e4sst sich der damals fast gleichm\u00fctig wirkende Umgang mit einer so schweren Krisensituation erkl\u00e4ren?<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Grunds\u00e4tzlich sollten wir uns vor Augen f\u00fchren, dass Japaner in einer Gesellschaft leben, in der der Einzelne traditionell f\u00fcr die Gruppe und die Gemeinschaft lebt und sein Bestes tut, seinen Beitrag zum Wohl der Gruppe zu leisten. Das wird den Kindern bereits in fr\u00fchen Jahren beigebracht, und so lebt und denkt die gro\u00dfe gesellschaftliche Mehrheit auch heute noch. Der bei uns im Westen so hoch gepriesene Individualismus mit all seinen Erscheinungsformen gilt in Japan als eigenn\u00fctzig und r\u00fccksichtslos und f\u00fchrt in der japanischen Gemeinschaft schnell zum Au\u00dfenseitertum und Ausschluss aus der Gruppe bzw. Gemeinschaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Japaner unterliegen au\u00dferdem einem gewissen, sagen wir, Fatalismus oder Schicksalsgl\u00e4ubigkeit, und gehen davon aus, dass bestimmte Ereignisse und Umst\u00e4nde in ihrem Leben einen Grund haben oder die Konsequenz von Taten und Vorg\u00e4ngen aus der Vergangenheit sind. Daher neigen Japaner dazu, nicht \u00f6ffentlich zu zeigen, wenn ihnen etwas Negatives widerfahren ist. Und wenn das Negative doch sichtbar oder \u00f6ffentlich wird, sich daf\u00fcr zumindest zu entschuldigen. So beklagen sich Japaner bei Unf\u00e4llen, Krisen, Krankheiten oder \u00e4hnlichen sie betreffenden negativen Geschehnissen nicht, sondern nehmen es mit einer f\u00fcr uns stoischen Ruhe und Gekl\u00e4rtheit hin. Auch jammern sie im Gegensatz zu Menschen in westlicher Kultur nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wurden deshalb auch&nbsp;die mangelhafte Informationspolitik oder die fragw\u00fcrdigen Entscheidungen und Handlungen der&nbsp;Verantwortlichen&nbsp;nicht hinterfragt?<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Zusammenleben innerhalb der japanischen Gesellschaft ist nicht nur auf die Gruppe abgestellt, sondern dabei auch stark hierarchisch untergliedert. Jeder Japaner steht in einer klar abgestuften hierarchischen Beziehung zu seinen Mitmenschen. M\u00e4nnern zu Frauen, Vorgesetzte zu Angestellten, Br\u00fcder zu Schwestern, etc. Hinzu kommt ein tiefgehender Respekt gegen\u00fcber seinen Mitmenschen. Auch steht die Harmonie in einer Beziehung \u00fcber allem. Daher werden die Meinungen und Anordnungen von \u00fcberstellten Personen und Institutionen traditionell nicht infrage gestellt und kritisiert. Stattdessen wird unterstellt, dass Vorgesetzte und Fachleute stets ihr Bestes geben und man darauf vertrauen kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Man sagt den Japanern nach, dass sie schlechte Krisenmanager seien. Wie ist das zu erkl\u00e4ren?<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Japaner sind traditionell in klare Hierarchiestrukturen eingebunden und treffen nicht-allt\u00e4gliche Entscheidungen erst nach ausf\u00fchrlicher Besprechung und \u00dcberzeugungsarbeit innerhalb von Gruppen und anschlie\u00dfender Genehmigung durch Vorgesetzte. Das braucht seine Zeit. Auch wenn Vorgesetzte in bestimmten Situationen einmal Meinungen vertreten oder Entscheidungen treffen, die vermeintlich einer Situation nicht oder nicht optimal gerecht erscheinen, werden Untergebene nicht widersprechen. D.h. eine eigene individuelle Meinung ist von stark untergeordneter Bedeutung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Entscheidungen bergen in Japan auch immer die Gefahr, sich sp\u00e4ter als Fehlentscheidungen herauszustellen, was in vielen Situationen zu einem f\u00fcr uns schwer verst\u00e4ndlichen erheblichen Gesichtsverlust des Entscheidenden f\u00fchren kann. Auch dieser Punkt des Gesichtsverlusts durch Fehlentscheidungen ist ein gravierendes Hindernis f\u00fcr schnelle und individuelle Entscheidungen in Krisen. Da in Krisensituationen schnelle Entscheidungen und schnelles Handeln essentiell sind und Japaner in den bestehenden Strukturen dies nicht umsetzen k\u00f6nnen, sind sie zwangsl\u00e4ufig in unvorhergesehenen Krisensituationen \u00fcberfordert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Aber wie reagieren Japaner dann auf Krisen?<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nat\u00fcrlich kennen Japaner diese Schw\u00e4chen und erarbeiten f\u00fcr viele F\u00e4lle Notfallpl\u00e4ne, die im Krisenfall sukzessive abgearbeitet werden. Doch wenn der Notfall nicht so eintrifft, wie im Krisenfall unterstellt, haben wir wieder das gerade oben beschriebene Problem. Und das beobachten wir gerade in Japan im Umgang in einer massiven Krise mit Erdbeben, Tsunami und Atomunfall, f\u00fcr den Japaner so sicherlich nie einen Notfallplan erarbeiten konnten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">In der Fukushima-Krise 2011 erlebte man in Japan einen hohen Grad an Disziplin und Solidarit\u00e4t. So gab&nbsp;es wenige Hamsterk\u00e4ufe, auch wenn einige Lebensmittel wie Wasser knapp wurden. Wie ist das zu erkl\u00e4ren<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Hierzu f\u00e4llt mir die Aussage einer Freundin aus Tokio ein, die sagte \u201eIch kann doch nicht alle Wasserflaschen f\u00fcr mich kaufen, wenn dann andere Mitb\u00fcrger kein Wasser mehr bekommen.\u201c K\u00f6nnen sie sich das in Deutschland vorstellen? Der Satz hat mich sehr ber\u00fchrt und ich w\u00fcnschte mir, wir Deutschen w\u00fcrden dar \u00fcber einmal nachdenken und k\u00fcnftig unsere Mitmenschen auch mit mehr R\u00fccksicht behandeln. Dieses Verhalten beruht auf dem oben bereits beschriebenen Gruppendenken und dem Respekt vor anderen. Individualisten dagegen denken prim\u00e4r an sich. Japaner sind keine Individualisten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sahen wir deshalb damals auch keine Massenflucht aus den gef\u00e4hrdeten Gebieten?<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wer sich aus der Gemeinschaft entfernt, l\u00e4sst quasi seine Mitmenschen, Nachbarn, Kollegen, Freunde im Stich und k\u00fcmmert sich nicht um das gemeinschaftliche Wohl. Wenn wir dieses Muster verstehen, k\u00f6nnen wir uns auch die Konsequenzen vorstellen, mit denen sich ein&nbsp;Japaner nach dem Ende der Krise und bei einer R\u00fcckkehr in die Gemeinschaft und Gruppe konfrontiert sehen w\u00fcrde. Dieses \u201eim Stich lassen der Gruppe\u201c macht ein harmonisches Leben in der Gemeinschaft nach der Krise kaum wieder m\u00f6glich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte&nbsp;Dr. Andreas Klippe.&nbsp;<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em><strong>Autor:<\/strong><\/em> Gerd Schneider &#8211; <em>Gerd Schneider ber\u00e4t Unternehmen mit dem Schwerpunkt Asiengesch\u00e4ften und bietet interkulturelles Training f\u00fcr L\u00e4nder wie China, Japan und Korea an. Insgesamt z\u00e4hlen \u00fcber 30 weltweite Ziele zu seinem vielseitigen Repertoire.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich Japaner in Krisensituationen anders verhalten als Deutsche wurde sp\u00e4testens mit den schockierenden Bildern der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 sichtbar. Wie l\u00e4sst sich der damals fast gleichm\u00fctig wirkende Umgang mit einer so schweren Krisensituation erkl\u00e4ren? 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