{"id":15221,"date":"2022-03-25T10:02:09","date_gmt":"2022-03-25T09:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=15221"},"modified":"2024-09-18T12:03:18","modified_gmt":"2024-09-18T12:03:18","slug":"kommunikation-mit-koreanern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/kommunikation-mit-koreanern\/","title":{"rendered":"Kommunikation mit Koreanern"},"content":{"rendered":"\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Kommunikatino-mit-Koreanern-300x199-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15222\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Seit der US-Anthropologe Edward T. Hall 1976 die Kulturdimension des schwachen bzw. starken Kontextbezuges vorgestellt hat, wissen wir, dass es im Umgang mit Informationsgewinnung und -verarbeitung h\u00f6chst unterschiedliche kulturelle Konzepte gibt. Und wie so oft bei Kulturvergleichen befinden sich Deutschland und Korea an nahezu entgegen gesetzten Enden der Skala: Das Kommunikationsverhalten von uns Deutschen weist einen schwachen Kontextbezug auf, d.h. wir nennen die Dinge h\u00e4ufig direkt beim Namen und sagen offen, was wir denken. Im Gespr\u00e4ch konzentrieren wir uns auf die verbale Kommunikation \u2013 es ist das gesprochene Wort, das z\u00e4hlt. Para- oder nonverbalen Aspekten messen wir eine eher untergeordnete Bedeutung bei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr Koreaner hingegen ist es un\u00fcblich, geradewegs auf den Punkt zu kommen oder die eigene Meinung unumwunden zu \u00e4u\u00dfern. Sie kommunizieren in einem sehr starken Kontextbezug: Mimik, Intonation oder Sprechpausen sind f\u00fcr sie eigene, sehr wichtige Informationstr\u00e4ger, die zwingend ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Auch Andeutungen und Anspielungen haben ein hohes Gewicht. Aussagen lassen somit einen wesentlich gr\u00f6\u00dferen Deutungsspielraum zu, und der Gespr\u00e4chspartner braucht eine gute Kombinationsgabe. Die Auswirkungen dieses ungleichen Kontextbezugs illustrieren drei Beispiele aus dem gesch\u00e4ftlichen Alltag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zustimmung und Ablehnung<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Herr Meister bittet seinen koreanischen Gesch\u00e4ftspartner um einen Gefallen. Ob Herr Lee ihm die Zahlen f\u00fcr die Quartalsplanung wohl eine Woche fr\u00fcher zukommen lassen k\u00f6nne, als vereinbart. \u201eTzs&#8230; yeessss\u201c, antwortet Herr Lee, der sehr gut Englisch spricht, und zieht dabei Luft durch die Z\u00e4hne ein. Er werde sein Bestes tun. Seine Stimme klingt schwach, die Betonung ist gedehnt. Herr Meister versteht dies als Zusage und freut sich, mit seiner Planung schneller voranzukommen. Umso entt\u00e4uschter ist er, als die Zahlen dann erst zum urspr\u00fcnglich zugesagten Termin eintreffen. \u201eWenig zuverl\u00e4ssig, diese Koreaner\u201c, denkt er. Darauf, dass Herr Lee ihm h\u00f6flich eine Absage erteilt haben k\u00f6nnte, kommt er erst nach einer Reihe \u00e4hnlicher Erfahrungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In der koreanischen Kultur gilt es als unh\u00f6flich, eine Bitte von vornherein abzuschlagen. Lieber stimmt man vordergr\u00fcndig zu, um den anderen nicht zu verletzen, und l\u00e4sst die Sache dann im Sande verlaufen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Umschreibende Phrasen wie \u201eDar\u00fcber werde ich nachdenken\u201c, \u201eDas k\u00f6nnte nicht ganz einfach sein\u201c oder \u201eIch werde mein Bestes geben\u201c sind typische Antworten, um keine direkte Absage zu erteilen. In dieser Situation h\u00e4tte Herr Meister Intonation und Zischger\u00e4usch beachten m\u00fcssen, um zu erkennen, dass es um die Erf\u00fcllung seines Anliegens weniger gut bestellt ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00c4u\u00dfern von Kritik<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Abteilungsleiterin Frau Haupt erteilt ihrer Assistentin Kim einen wichtigen Auftrag, den sie unbedingt bis zum n\u00e4chsten Morgen erledigt wissen m\u00f6chte. Am Tag darauf, stellt sich heraus, dass Frau Kim diese Arbeit vergessen hat. Etwas ver\u00e4rgert gibt Frau Haupt ihrer Mitarbeiterin eine R\u00fcckmeldung nach den in Deutschland erlernten Feedbackregeln und weist konstruktiv auf den Fehler hin. Frau Kim lacht und reagiert mit der Auskunft, sie habe nicht arbeiten k\u00f6nnen, da am vorherigen Nachmittag zeitweilig der Strom ausgefallen sei. Frau Haupt, die wei\u00df, dass dies nicht stimmen kann, \u00e4rgert sich noch mehr. Besonders, dass Frau Kim die Situation offenbar nicht angemessen ernst nimmt und lacht, findet sie unversch\u00e4mt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In Korea gelten andere Regeln f\u00fcr den Umgang mit Kritik als in Deutschland. Um der Harmonie willen darf niemand sein Gesicht verlieren und blo\u00dfgestellt werden. Aus diesem Grund wird Kritik niemals offen oder gar vor Dritten ge\u00e4u\u00dfert. Auch ist es allgemein akzeptiert, Fehler und Pannen nicht zuzugeben, sondern durch Ausfl\u00fcchte zu kaschieren. Die H\u00f6flichkeit gebietet es dann, bei unlogischen, nicht zur Sache geh\u00f6renden Antworten nicht nachzuhaken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Da koreanische Mitarbeiter den Erwartungen ihrer Vorgesetzten stets gerecht werden m\u00f6chten, setzt Frau Kim den Stromausfall als Notl\u00fcge ein. Da sie bef\u00fcrchtet, Frau Haupt k\u00f6nne diese aufdecken, ist sie verzweifelt und entschuldigt sich f\u00fcr ihren Fehler durch Lachen ? ein Verhalten, das in diesem Kontext eine koreanische Vorgesetzte vermutlich milder gestimmt h\u00e4tte, von Frau Haupt aber g\u00e4nzlich falsch interpretiert wird. Besser w\u00e4re es gewesen, wenn Frau Haupt zuerst vorsichtig erkundet h\u00e4tte, ob Frau Kim der Fehler nicht schon bewusst war. In diesem Fall h\u00e4tte dann die Andeutung, die Sache sei nach wie vor sehr dringlich, gen\u00fcgt, um Frau Kim zu kritisieren. F\u00fcr eine st\u00e4rkere Missbilligung kn\u00fcpft man den entsprechenden Punkt an Lob oder die Hervorhebung bisher erbrachter positiver Leistungen an. Problematisches kommt, wenn es sich nicht vermeiden l\u00e4sst, immer zum Schluss eines Gespr\u00e4chs, &#8211; und auch dann eher zwischen den Zeilen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Pers\u00f6nliche Stellungnahme<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Manager Dr. Beste, neu in Korea, h\u00e4lt einmal w\u00f6chentlich ein Treffen mit all seinen 15 Mitarbeitern ab. Er m\u00f6chte, dass in dem Teammeeting L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge erarbeitet werden. W\u00e4hrend dies bei den Deutschen gro\u00dfen Vor- und Nachteile verschiedener Vorgehensweisen diskutiert und gemeinsam Anklang findet, sitzen die koreanischen Angestellten meist reserviert und angespannt da. Nur wenn Dr. Beste sie direkt nach ihrer Meinung fragt, ergreifen sie das Wort. Allerdings entsprechen ihre Beitr\u00e4ge meist nicht seinen Erwartungen: Die Koreaner geben ungenaue generelle Antworten und weichen pers\u00f6nlichen Stellungnahmen aus. Hakt er nach, tendieren sie zu ausladenden Bemerkungen, schweifen zunehmend vom Thema ab oder wechseln es bisweilen ganz. Dr. Beste verwirrt dieses Verhalten, denn die anderen Arbeitsergebnisse seiner koreanischen Mitarbeiter sind stets einwandfrei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die f\u00fcr den deutschen Manager ungewohnten Reaktionen der Koreaner resultieren aus einer grundlegend anderen Einstellung gegen\u00fcber Argumentation und Diskussion. W\u00e4hrend im Westen \u00dcberzeugungstechniken positive Kennzeichnen gewiefter Rhetoriker sind, ist f\u00fcr Koreaner das Ziel jeder kommunikativen Handlung das Erhalten einer harmonischen Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re. Sie sind darauf aus, Konfrontation und Konflikt zu vermeiden \u2013 unklare Ausdruckweise, Themenwechsel oder gar Schweigen sind g\u00e4ngige Strategien daf\u00fcr \u2013 und in Diskussionen durch das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten Br\u00fccken zu bauen, um die Angelegenheit einvernehmlich zu l\u00f6sen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Erschwerend kommt hinzu, dass Dr. Beste ihr Vorgesetzter ist und der Vorschlag eines H\u00f6hergestellten im Teammeeting nicht offen hinterfragt oder kritisiert werden kann, da sein Gesicht verletzt werden k\u00f6nnte. Meetings dienen in Korea in erster Linie der F\u00f6rderung der Zusammenarbeit. Will man als Vorgesetzter pers\u00f6nliche Standpunkte erfahren, h\u00e4lt man den Teilnehmerkreis von Besprechungen m\u00f6glichst klein, idealerweise befragt man die Mitarbeiter gar unter vier Augen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Signale verstehen<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Deutsche und Koreaner kommunizieren unterschiedlich: Koreaner, die die deutsche Sprache beherrschen, loben an ihr die Genauigkeit, mit der es grammatikalisch m\u00f6glich ist, Sachverhalte zu beschreiben und Dinge auf den Punkt zu bringen. Gleichzeitig beklagen sie aber die mangelnde M\u00f6glichkeit, sich n\u00f6tigenfalls umschreibend und vage artikulieren zu k\u00f6nnen. Sie sind von klein auf darin ge\u00fcbt, die Botschaft hinter den Worten herauszuh\u00f6ren, die para- wie nonverbalen Signale ihrer Mitmenschen zu entschl\u00fcsseln und angemessen zu reagieren. Wir sind darin nicht geschult. Wollen wir eindeutig mit Koreanern kommunizieren, ist es an der Zeit, unsere Beobachtungsgabe zu trainieren und Antennen f\u00fcr diese andere Art der Kommunikation zu entwickeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>[Erstver\u00f6ffentlicht in: KORUM \u2013 Korea, Unternehmen, M\u00e4rkte &#8211; Hrsg. Deutsch-Koreanische Handelskammer &#8211; Nr. 4 | 2010, S. 22 ff.]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>A<em>utorin<\/em><\/strong><em><strong>: <\/strong>Prof. Dr. Anja K. Haftmann<\/em><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der US-Anthropologe Edward T. Hall 1976 die Kulturdimension des schwachen bzw. starken Kontextbezuges vorgestellt hat, wissen wir, dass es im Umgang mit Informationsgewinnung und -verarbeitung h\u00f6chst unterschiedliche kulturelle Konzepte gibt. 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