{"id":15111,"date":"2022-03-23T14:08:44","date_gmt":"2022-03-23T13:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=15111"},"modified":"2024-09-18T12:16:37","modified_gmt":"2024-09-18T12:16:37","slug":"die-kunst-richtig-wodka-zu-trinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/die-kunst-richtig-wodka-zu-trinken\/","title":{"rendered":"Die Kunst richtig Wodka zu trinken"},"content":{"rendered":"\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Kunst-richtig-Wodka-zu-trinken-300x199-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15114\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Inhaber eines Unternehmens, Herr Schmidt, war mit dem Ablauf des Gesch\u00e4ftsessens sehr zufrieden. Der Vertragabschluss war so gut wie perfekt, seine neuen Partner am\u00fcsierten sich offensichtlich k\u00f6stlich, alles war bestens. Er h\u00e4tte vielleicht nicht so viel trinken sollen, er war nicht mehr Herr seiner Zunge und seiner Beine, aber es war einfach unm\u00f6glich \u201enjet\u201c zu sagen. Umso gr\u00f6\u00dfer war die Entt\u00e4uschung von Herrn Schmidt, als am n\u00e4chsten Tag die Russen ihre Taktik v\u00f6llig \u00e4nderten und sich auf einmal weigerten, den Vertrag zu unterschreiben. Der Traum von der \u201eEroberung\u201c des riesengro\u00dfen russischen Marktes war geplatzt. \u201eDiese Russen\u201c, beschwerte sich sp\u00e4ter der ungl\u00fcckliche Gesch\u00e4ftsmann \u00fcberall, \u201eist doch bekannt, dass sie nur saufen k\u00f6nnen! Nie wieder Gesch\u00e4fte mit Russland!\u201c Seine Zuh\u00f6rer nickten verst\u00e4ndnisvoll. Jeder hatte eine \u00e4hnliche Geschichte auf Lager, die best\u00e4tigte, dass man verr\u00fcckt sein muss, um mit Russen eine gesch\u00e4ftliche Beziehung einzugehen. Denn sie seien unzuverl\u00e4ssig und allesamt sowieso bei der Mafia.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dabei h\u00e4tte der gro\u00dfe Deal von Herrn Schmidt ohne weiteres in Erf\u00fcllung gehen k\u00f6nnen, wenn er sich auf seine neuen Partner kulturell eingestellt h\u00e4tte. Denn sein Wissen \u00fcber \u201eM\u00fctterchen Russland\u201c beschr\u00e4nkte sich auf jahrhundertealte Klischees, die er allerdings f\u00fcr bare M\u00fcnze hielt. Und so war ihm gar nicht klar, dass er sich aus russischer Sicht am geschilderten Abend sehr unvorteilhaft benommen (war nicht trinkfest, konnte keinen einzigen sch\u00f6nen Trinkspruch aussprechen usw.) und seine Autorit\u00e4t und \u00fcberhaupt seine Ernsthaftigkeit in Frage gestellt hatte. F\u00fcr sie war er als zuverl\u00e4ssiger Partner f\u00fcr immer gestorben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Stereotype Vorstellungen \u00fcber Russland<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nicht nur der Held unserer Geschichte, sondern viele andere deutsche Gesch\u00e4ftsleute haben eher verschwommene und, was noch schlimmer ist, mit Stereotypen behaftete Vorstellungen \u00fcber Russen und Russland. So kommt der bekannte Trinkspruch \u201eNa zdorowje!\u201c z. B., den man hierzulande als Inbegriff des russischen Wodkawahns zu verstehen wei\u00df, in Wirklichkeit aus dem Polnischen. Und der Brauch, die Gl\u00e4ser hinter sich zu schmei\u00dfen, hat mit der russischen Realit\u00e4t genauso wenig zu tun wie freilaufende B\u00e4ren auf Moskauer Stra\u00dfen oder die angeblich eisige K\u00e4lte auch im Sommer. Der Leiter der Repr\u00e4sentanz eines deutschen Konzerns beschwerte sich einmal bei mir, dass ihn auch nach einem halben Jahr seiner Arbeit in Moskau noch keiner zum angeblich obligatorischen Gang in die Banja (russische Sauna) eingeladen habe. \u201eIch dachte, das geh\u00f6rt hier zum Business\u201c, wunderte er sich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nach dem Fall der Mauer sind inzwischen mehr als 20 Jahre vergangen. Die heutige Welt der unbegrenzten Kommunikation und des Internets ist transparent geworden, aber die alten Klischees und Vorurteile wollen und wollen nicht verschwinden. Sie scheinen eine enorme Kraft zu haben und sind offenbar sogar imstande, Einfluss auf die Wahrnehmung der Realit\u00e4t zu nehmen. Ihre Gef\u00e4hrlichkeit besteht darin, dass sie so bequem sind. Man nimmt nur etwas Etikette und denkt, man hat den anderen verstanden und erkl\u00e4rt: \u201eDeutsche sind langweilig\u201c, \u201eRussen saufen Wodka\u201c, \u201eFranzosen sind charmant\u201c usw. Pers\u00f6nliche Begegnungen scheinen die Stereotypen auch nicht entkr\u00e4ften zu k\u00f6nnen. Die russischen Gesch\u00e4ftspartner von unserem unseligen Herrn Schmidt z. B. hielten ihn auch nach dem von ihm spendierten \u00fcppigen Essen f\u00fcr einen Geizkragen. \u201eDer kann doch nicht mal richtig feiern! Hat keinen Mumm! Typisch deutsch\u201c lautete ihre Bilanz. Beide Seiten haben sich mit den besten Absichten getroffen und sind beinahe als Feinde auseinander gegangen, und jeder f\u00fchlte sich noch fester in seinen Vorurteilen best\u00e4tigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Russland<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das A und O einer guten Gesch\u00e4ftsbeziehung ist eine gegl\u00fcckte Kommunikation. Und die h\u00e4ngt nicht nur von einer gemeinsamen Sprache ab. Mindestens genauso wichtig sind die nonverbale Verst\u00e4ndigung und das Wissen \u00fcber kulturelle Gepflogenheiten. Die Kommunikation mit ausl\u00e4ndischen Mitarbeitern verl\u00e4uft oft nur m\u00fchsam, denn ihre Werte und Normen, ihre Vorstellungen \u00fcber Zeit, Distanz, N\u00e4he, Hierarchie, ihre Verhaltensweisen und Umgangsformen unterscheiden sich von den deutschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So f\u00e4llt es z. B. dem russischen Personal generell schwer, den kollegialen F\u00fchrungsstil ihrer deutschen Chefs zu akzeptieren, weil sie aus einer autorit\u00e4ren Gesellschaft kommen, in der das Motto galt \u201ebist du der Chef &#8211; bin ich der Dumme, bin ich der Chef &#8211; bist du der Dumme\u201c. Und schon sind Irritationen vorprogrammiert. \u201eMan verlangt von mir, dass ich Initiative zeige, mit meinem Chef diskutiere. Wie soll das gehen, wenn es bei uns immer hie\u00df \u201eEigeninitiative ist strafbar?\u201c Au\u00dferdem, sagt unser deutscher Vorgesetzter nie klar und deutlich, was er von mir erwartet\u201c, berichtet Tatjana, Mitarbeiterin einer deutschen Vertretung in Moskau. Und ihr Chef wei\u00df h\u00f6chstwahrscheinlich auch nicht, dass er Tatjana mit seinem F\u00fchrungsstil verunsichert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und so wird klar, dass, obwohl Globalisierung zu einem Modewort geworden ist und Unternehmen in der heutigen Welt verwischter Grenzen ganz neuen Anforderungen gerecht werden m\u00fcssen, dieses interkulturelle Wissen leider oft auf der Strecke bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em><strong>Autorin: <\/strong>Dr. Daria Boll-Palievskaya<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Inhaber eines Unternehmens, Herr Schmidt, war mit dem Ablauf des Gesch\u00e4ftsessens sehr zufrieden. Der Vertragabschluss war so gut wie perfekt, seine neuen Partner am\u00fcsierten sich offensichtlich k\u00f6stlich, alles war bestens. 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