{"id":15081,"date":"2022-03-23T13:13:14","date_gmt":"2022-03-23T12:13:14","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=15081"},"modified":"2024-09-18T12:17:57","modified_gmt":"2024-09-18T12:17:57","slug":"kulturelle-unterschiede-belgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/kulturelle-unterschiede-belgien\/","title":{"rendered":"Kulturelle Unterschiede Belgien"},"content":{"rendered":"\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Kulturelle-Unterschiede-Belgien-300x248-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15082\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit Br\u00fcssel im Zentrum der Europ\u00e4ischen Union zeigt sich die belgische Arbeitswelt internationaler als in manch anderen EU-Staaten. Neben den multikulturellen Einfl\u00fcssen durch die zahlreichen ausl\u00e4ndischen Bewohner blickt Belgien auch auf inl\u00e4ndische wirtschaftliche, politische und vor allem kulturelle Grenzen. So wurden in den 80er und 90er Jahren durch mehrere Staatsreformen die drei autonomen Gliedstaaten Flandern, Wallonien (Wallonie) und Br\u00fcssel geschaffen, die im heutigen Bundesstaat Belgien nicht unbedingt friedlich nebeneinander bestehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Rund die H\u00e4lfte der Belgier im n\u00f6rdlichen Landesteil Flandern spricht Fl\u00e4misch (belgisches Niederl\u00e4ndisch), etwa ein Drittel im wallonischen S\u00fcdteil spricht neben der wallonischen Sprache vor allem Franz\u00f6sisch. Br\u00fcssel ist eine franz\u00f6sischsprachige Enklave innerhalb Flanderns, wobei sowohl Franz\u00f6sisch als auch Fl\u00e4misch Amtssprachen sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In Ostbelgien, innerhalb Walloniens, existiert zudem eine kleine deutschsprachige Gemeinde. Von nationaler Einheit ist im K\u00f6nigreich Belgien oft wenig zu sp\u00fcren. Viele Einwohner f\u00fchlen sich in erster Linie als Flamen oder Wallonen und dann erst als Belgier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Egalit\u00e4re Flamen, hierarchisch denkende Wallonen<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dementsprechend gibt es in den verschiedenen Regionen Belgiens nach wie vor gro\u00dfe Unterschiede in der Gesch\u00e4ftskultur. Fl\u00e4mische Unternehmen stellen sich im Gegensatz zu wallonischen Unternehmen beispielsweise sehr viel egalit\u00e4rer dar. Entscheidungen werden hier tendenziell im Konsens zwischen oberer und mittlerer Managementebene als von einem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer alleine getroffen. Die F\u00fchrungskr\u00e4fte eines Unternehmens sind in der Regel f\u00fcr alle zug\u00e4nglich, wobei Chef und Mitarbeiter aller Ebenen auf Augenh\u00f6he miteinander diskutieren und gemeinsam neue Strategien entwickeln. Gleicherma\u00dfen wird auch Verantwortung durchaus nach unten delegiert. Die Flamen gelten als unkompliziert, flei\u00dfig und gesch\u00e4ftst\u00fcchtig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In der wallonischen Arbeitswelt finden sich viele \u00c4hnlichkeiten mit franz\u00f6sischen Verhaltensmustern. Unternehmen sind hier in der Regel stark hierarchisiert, wobei die oberste Managementebene einen autorit\u00e4ren, sehr direkten F\u00fchrungsstil verfolgt. Entscheidungen fallen eher in der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, meist hinter verschlossenen T\u00fcren. Es wird nur vergleichsweise wenig Verantwortung nach unten abgegeben. Macht ist in wallonischen Unternehmen ein wichtiger Faktor, der sich deutlich in Statussymbolen wie B\u00fcrogr\u00f6\u00dfe, Ausstattung, Firmenwagen mit Parkplatz und der Gestaltung der Visitenkarte widerspiegelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Unterschiedlicher Kommunikationsstil<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im Kommunikationsstil finden sich zwischen Flamen und Wallonen ebenfalls einige markante Unterschiede. Die Flamen kommunizieren im Gesch\u00e4ftsleben eher informell, w\u00e4hrend die Wallonen bevorzugt formelle Kommunikationskan\u00e4le nutzen und dabei genau der im Unternehmen bestehenden Hierarchiestruktur folgen. Gleichzeitig sind die frankophonen Wallonen gespr\u00e4chig und in ihrer nonverbalen Kommunikation deutlich expressiver, w\u00e4hrend die Flamen ruhig sprechen. Insgesamt wirken die Wallonen auf Deutsche offener und herzlicher, w\u00e4hrend viele Flamen etwas wortkarg erscheinen k\u00f6nnen. Allen gemeinsam ist jedoch eine sehr direkte Ausdrucksweise. In der Regel sagen Belgier gerne was sie denken, ohne um den hei\u00dfen Brei herumzureden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auch wenn sich Englisch \u00fcberall als Gesch\u00e4ftssprache etabliert hat, sollten Deutsche in Belgien die nach wie vor hohe Bedeutung des \u201eSprachenstreits\u201c niemals untersch\u00e4tzen. Insbesondere f\u00fcr die Flamen ist das Sprechen der fl\u00e4mischen Sprache Ausdruck ihrer kulturellen Identit\u00e4t. Viele Flamen haben daher eine starke Abneigung gegen die franz\u00f6sische Sprache und kritisieren die fortschreitende Frankophonisierung des Landes \u2013 insbesondere in der Hauptstadt Br\u00fcssel. Es ist also f\u00fcr deutsche Expats mit Franz\u00f6sischkenntnissen empfehlenswert, mit fl\u00e4mischen Gesch\u00e4ftspartnern in erster Linie Englisch zu sprechen &#8211; und deren h\u00f6chstwahrscheinlich exzellentes Franz\u00f6sisch nicht unbedingt einzufordern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Vorsicht mit Kritik<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Deutsche d\u00fcrfen in Verhandlungen mit Belgiern durchaus direkte Kritik \u00fcben \u2013 sollten diese aber trotzdem mit freundlichen Worten ummanteln. Insbesondere in Wallonien ist es wichtig, sein Gegen\u00fcber das \u201eGesicht\u201d wahren zu lassen. Einige wenige konkrete Anmerkungen reichen daher meist aus, damit die ge\u00e4u\u00dferte Kritik genau verstanden wird. Unangenehmen Fragen weichen frankophone Belgier hingegen gerne und vor allem sehr gekonnt aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Meetings und Verhandlungen<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Deutsche Manager treffen bei Meetings und Verhandlungen in Flandern vor allem auf Delegationen aus Fachexperten unterschiedlicher Rangh\u00f6he. Im Mittelpunkt der gut strukturierten Gespr\u00e4che steht stets die beste L\u00f6sung f\u00fcr alle Beteiligten. Daher sind Flamen fokussiert und durchaus kompromissf\u00e4hig. Ihr Verhandlungsstil ist n\u00fcchtern und pragmatisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In Wallonien sitzen deutsche Gesch\u00e4ftsleute meist einigen wenigen Verhandlungsf\u00fchrern gegen\u00fcber. Gem\u00e4\u00df dem hierarchischen Stil in den dortigen Unternehmen sind diese ausgew\u00e4hlten Vertreter der oberen Managementebene mit allen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet, so dass Verhandlungen z\u00fcgig zum Abschluss gebracht werden k\u00f6nnen. Dem entgegen steht allerdings, dass hier Meetings und Verhandlungen weniger strukturiert verlaufen. H\u00e4ufig m\u00fcssen sich Deutsche erst an den wallonischen Verhandlungsstil gew\u00f6hnen. Denn wie ihre franz\u00f6sischen Nachbarn f\u00fchren sie gerne abstrakte Diskussionen und springen von einem Thema zum anderen, bevor sie schlie\u00dflich offene Fragen und Punkte finalisieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In beiden Gesch\u00e4ftskulturen gilt jedoch, dass direkte Konfrontationen in Verhandlungen nicht gerne gesehen sind. Ein harter Verhandlungsstil mit verbalen Ausbr\u00fcchen oder indirekten Drohungen geh\u00f6rt ebenfalls nicht zum guten Ton der Belgier. Generell ist es daher empfehlenswert, stets guten Willen zu zeigen und dem gesunden Menschenverstand zu folgen. Differenzen werden in Belgien mit kreativen, oft \u00fcberraschenden L\u00f6sungsans\u00e4tzen \u00fcberbr\u00fcckt. Denn bedingt durch ihre st\u00e4ndigen nationalen Konflikte scheinen es Belgier einfach gewohnt zu sein, Kompromisse zu suchen &#8211; und vor allem auch zu finden. Auf abschlussorientiert, gradlinig denkende Deutsche kann dieses eigentlich sehr flexible Verhalten durchaus auch einmal unentschlossen und zur\u00fcckweichend wirken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gesch\u00e4ftsessen haben hohe Bedeutung<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wie auch ihre niederl\u00e4ndischen Nachbarn haben die Flamen einen gro\u00dfen Familiensinn \u2013 und gehen nach der Arbeit gerne fr\u00fch nach Hause. Gesch\u00e4ftsessen am Abend sind in Flandern daher eher selten. Ein gemeinsames Mittagessen w\u00e4hrend eines Gesch\u00e4ftstreffens wird gerne zur Erholung genutzt, bevor man wieder an den Verhandlungstisch zur\u00fcckkehrt. Daher dominiert hier meist ein freundlicher Small-Talk zur allgemeinen Unterhaltung. Die Wallonen gehen \u2013 ganz nach franz\u00f6sischer Manier &#8211; auch abends gerne in teure Restaurants, in denen lange und ausgiebig gespeist wird. Auch hier wird wenig \u00fcber Gesch\u00e4ftliches gesprochen. Der angenehme Verlauf des gemeinsamen Abends nimmt aber auf den sp\u00e4teren Erfolg der Gesch\u00e4ftsanbahnung einen gewissen Einfluss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gespr\u00e4chsthemen, die die nationale Einheit zwischen Flandern und Wallonien ber\u00fchren, sollten in beiden Landesteilen m\u00f6glichst vermieden werden. Es wird jedoch \u00fcberall in Belgien sehr gesch\u00e4tzt, wenn sich ausl\u00e4ndische Gesch\u00e4ftspartner geografisch ein wenig auskennen und jeder Stadt\/Region die richtige Sprache zuordnen k\u00f6nnen. Auch eine positive Haltung zur EU und zur Rolle Br\u00fcssels als einigende Hauptstadt bietet eine gute Grundlage f\u00fcr Vertrauen schaffende Gespr\u00e4che w\u00e4hrend eines Gesch\u00e4ftsessens.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\">P\u00fcnktlichkeit ist wichtig<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Belgier sind generell sehr p\u00fcnktlich. Terminpl\u00e4ne und Fristen werden \u00fcberaus ernst genommen und sollten daher genau definiert und eingehalten werden. Verz\u00f6gerungen m\u00fcssen rechtzeitig angek\u00fcndigt und vor allem gut begr\u00fcndet werden. Deutsche haben damit eigentlich keine Schwierigkeiten. Durch die lockere Art vieler Belgier unterliegen sie jedoch manchmal der falschen Annahme, dass es ihre Gesch\u00e4ftspartner mit der Zeitplanung vielleicht nicht so genau nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Deutsche kommen mit Belgiern in der Regel gut klar. Dennoch ist es immer von Vorteil, sich mit den Feinheiten der jeweiligen regionalen Businesskultur n\u00e4her zu befassen. Wallonen mit Franzosen und Flamen mit Holl\u00e4ndern zu vergleichen, hilft beim Verst\u00e4ndnis bestehender Strukturen und typischer Verhaltensmuster durchaus weiter. Aber nichtsdestotrotz gilt es, beide Kulturkreise in ihren Besonderheiten wahrzunehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong><em>Autorin<\/em><\/strong><em>: Katrin Koll Prakoonwit<\/em>&nbsp;\u2013&nbsp;<em>Bevor sie sich als Journalistin selbst\u00e4ndig machte, schrieb&nbsp;Katrin Koll Prakoonwit&nbsp;L\u00e4nderanalysen f\u00fcr die FAZ. Heute arbeitet sie f\u00fcr Publikationen verschiedener Beratungsunternehmen und Verlage. Frau Koll Prakoonwit lebt in Reading, Berkshire, bei London.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Br\u00fcssel im Zentrum der Europ\u00e4ischen Union zeigt sich die belgische Arbeitswelt internationaler als in manch anderen EU-Staaten. 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