{"id":14295,"date":"2022-03-15T16:51:41","date_gmt":"2022-03-15T15:51:41","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=14295"},"modified":"2024-03-07T22:27:29","modified_gmt":"2024-03-07T22:27:29","slug":"gesicht-wahren-geben-und-bekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/gesicht-wahren-geben-und-bekommen\/","title":{"rendered":"Gesicht wahren, geben und bekommen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Gesicht-wahren-42139374_m.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14297\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch im Deutschen haben wir die Redewendung \u201eDas Gesicht wahren\u201c. Gemeint ist damit, dass man sein Ansehen in der \u00d6ffentlichkeit sch\u00fctzt und sich somit den Respekt der anderen bewahrt.&nbsp;Wer sein Gesicht hingegen verliert, hat durch sein entt\u00e4uschendes Verhalten das bisherige Bild seiner Person in den Augen der anderen besch\u00e4digt. Man hat sich eine Bl\u00f6\u00dfe gegeben, hat sich blamiert oder l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Gesicht als soziale Stellung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Asien ist das Gesichtskonzept im Prinzip \u00e4hnlich, jedoch in seiner Auspr\u00e4gung komplexer und von weitaus gr\u00f6\u00dferer Bedeutung f\u00fcr das gesellschaftliche Zusammenleben. Was immer man tut wird daran gemessen, ob man selbst und die anderen das Gesicht wahren oder nicht. Es wird alles daran gesetzt, niemanden&nbsp;in eine unangenehme oder gar peinliche Lage zu bringen. Gelingt dies nicht, ist die gef\u00fchlte Scham unermesslich gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gesicht ist hier als soziale Stellung zu verstehen und spiegelt wider, welchen Grad an Respekt und Ansehen der Einzelne innerhalb verschiedener Beziehungsstrukturen(Gesch\u00e4ftsleben, Bekanntenkreis, Familie) genie\u00dft. Dieser Denkweise liegt die Auffassung zugrunde, dass eine Gesellschaft nur dann funktionieren kann, wenn sich jeder jederzeit um Harmonie bem\u00fcht. Dabei ist das Achten des Gesichts eines anderen genauso wichtig wie das Bewahren des eigenen Gesichts. Wer einmal das Gesicht verliert, kann dieses nicht so einfach wieder zur\u00fcckgewinnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kontrollverlust f\u00fchrt zu Gesichtsverlust<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gesichtsverlust kann&nbsp;jedoch schnell passieren, etwa wenn man die Kontrolle \u00fcber seine Gef\u00fchle verliert. Denn dies wird in Asien als \u00e4u\u00dferst schlechtes Benehmen gewertet. So wird in vielen asiatischen L\u00e4ndern&nbsp;beispielsweise viel gel\u00e4chelt, um dahinter negative Gef\u00fchle, wie etwa Missbilligung, Wut oder aber auch Sch\u00fcchternheit bzw. Nervosit\u00e4t zu verbergen. Klappt das&nbsp;nicht, entgleiten nicht&nbsp;nur die Gesichtsz\u00fcge, sondern auch das soziale Gesicht zerf\u00e4llt. Andere anzuschreien, seiner Wut freien Lauf zu lassen, einfach auszurasten, ist in Asien unverzeihlich. Wer hier schreit, hat nicht nur Unrecht, sondern tut den anderen Unrecht an.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anderen keinen Schaden zuf\u00fcgen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gesicht verliert n\u00e4mlich auch, wer etwas tut, das einem anderen oder gar der gesamten Bezugsgruppe schadet. Dazu z\u00e4hlen Dinge, wie jemandem eine Bitte abzuschlagen, ein Versprechen zu brechen, das Know-how des Vorgesetzten anzuzweifeln oder einfach anderer Meinung als die Kollegen zu sein. All diese Dinge gef\u00e4hrden die Harmonie zwischen den Beteiligten, welche immer h\u00f6her bewertet wird als beispielsweise die Wahrheit der Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesem Grund ist ein \u201eJa\u201c in Asien nicht immer gleichbedeutend mit einem deutschen \u201eJa\u201c, sondern es kann auch \u201evielleicht\u201c oder gar \u201eNein\u201c bedeuten. Dies ist nicht als T\u00e4uschungsman\u00f6ver zu verstehen, denn Asiaten verfolgen damit nur die Erf\u00fcllung des h\u00f6heren Anspruchs, den anderen nicht durch eine negative Aussage vor den Kopf zu sto\u00dfen. Man h\u00e4lt sich lieber bedeckt, entt\u00e4uscht nicht, kritisiert nicht und verweigert sich nicht. So wird verhindert, dass man selbst oder der andere sein Gesicht verliert, indem Gef\u00fchle verletzt und damit mutwillig herausgefordert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch die eigene Unwissenheit wird gerne durch ein \u201eJa, alles klar\u201c verschleiert, um sich keine Bl\u00f6\u00dfe geben zu m\u00fcssen. Vorgesetzte haben es schwer, herauszufinden, ob ihre&nbsp;Mitarbeiter alle Anweisungen verstanden haben. Und wer in Asien einen Passanten nach dem Weg fragt, wird immer eine Wegbeschreibung erhalten, ganz gleich ob&nbsp;der Gefragte den Weg kennt oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Asiaten nehmen das Wort \u201eNein\u201c nicht in den Mund, w\u00e4hrend ihre Mimik und Gestik B\u00e4nde spricht. Zustimmung oder Ablehnung sind daher nicht in den Worten zu suchen, sondern an&nbsp;Gesicht und H\u00e4nden zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das eigene und das Gesicht des anderen wahren<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gesicht wird gewahrt, indem man sich ruhig und zuvorkommend verh\u00e4lt.&nbsp;Kritische Worte werden nur sehr vorsichtig und ausschlie\u00dflich unter vier Augen ausgesprochen. Offene Konfrontationen werden in Asien immer vermieden, um den anderen und sich selbst erst gar nicht in die Gefahr eines m\u00f6glichen Gesichtsverlustes zu bringen. Einen Mitarbeiter vor anderen zu ma\u00dfregeln, l\u00e4sst diesen unweigerlich das Gesicht verlieren. Aber auch der Chef erleidet einen Gesichtsverlust,&nbsp;weil er den Mitarbeiter in diese unangenehme Situation bringt und somit dessen Ansehen nicht zu respektieren wei\u00df. Das Mindeste, was man in solch einer Situation noch tun kann, ist dem anderen durch positive Worte m\u00f6glichst schnell wieder aus seiner misslichen&nbsp;Lage herauszuhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens werden Asiaten erst einmal freundlich lachen oder l\u00e4cheln, wenn jemand auf der Stra\u00dfe stolpert und hinf\u00e4llt. Dem westlichen Ungl\u00fccksvogel mag dieses Lachen taktlos erscheinen. Aus asiatischer Sicht dient das Lachen jedoch dazu, sein Gesicht&nbsp;zu wahren und ihm&nbsp;aus dem peinlichen Moment herauszuhelfen. Die helfende Hand wird so in zweifacher Hinsicht ausgestreckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem anderen einen w\u00fcrdevollen R\u00fcckzug zu erm\u00f6glichen, ist in Asien eine Frage der Ehre. Sei es bei einem kleinen Missgeschick, einem Irrtum, bei Unwissenheit, im Falle des Kritisiertwerdens oder des Verlierens im Verhandlungsgespr\u00e4ch: Es liegt in der Verantwortung aller, schwierige&nbsp;Situationen schnell zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gesicht geben und bekommen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dar\u00fcber hinaus kann man in Asien auch aktiv Gesicht geben. F\u00fcr die pers\u00f6nliche Beziehungsebene ist es \u00e4u\u00dferst f\u00f6rderlich, die guten Leistungen und Taten des anderen hervorzuheben und ihm somit Gesicht (=Status) zu verleihen. Die eigenen St\u00e4rken oder erreichten Ziele zu erw\u00e4hnen oder gar \u00dcberlegenheit zu demonstrieren, w\u00fcrde hingegen als protzig und aufdringlich empfunden werden, was wiederum einem massiven Gesichtsverlust gleichkommt. Werden die guten Taten jedoch von anderen erw\u00e4hnt, bekommt man Gesicht. Die Tugend der Zur\u00fcckhaltung verlangt jedoch, dieses erhaltene Lob sofort wieder herunterzuspielen, den innerlich empfundenen Stolz zu verbergen und so wiederum das Gesicht nach au\u00dfen hin zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">W\u00fcrde und Respekt sind im Asiengesch\u00e4ft unverzichtbar<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Konzept des Gesichtwahrens in Asien setzt voraus, dass wir unseren Gesch\u00e4ftspartnern, Mitarbeitern und Kollegen vor Ort stets mit W\u00fcrde, Respekt und Achtsamkeit begegnen. Denn unser eigenes&nbsp;Gesicht ist immer eng mit dem Gesicht der&nbsp;anderen verbunden. Nur wer es versteht, Gesicht zu wahren und zu geben, wird von und vor anderen Gesicht bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Autorin<\/em><\/strong><em>: Katrin Koll Prakoonwit<\/em>&nbsp;\u2013&nbsp;<em>Bevor sie sich als Journalistin selbst\u00e4ndig machte, schrieb&nbsp;Katrin Koll Prakoonwit&nbsp;L\u00e4nderanalysen f\u00fcr die FAZ. Heute arbeitet sie f\u00fcr Publikationen verschiedener Beratungsunternehmen und Verlage. Frau Koll Prakoonwit lebt in Reading, Berkshire, bei London.<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch im Deutschen haben wir die Redewendung \u201eDas Gesicht wahren\u201c. Gemeint ist damit, dass man sein Ansehen in der \u00d6ffentlichkeit sch\u00fctzt und sich somit den Respekt der anderen bewahrt.&nbsp;Wer sein Gesicht hingegen verliert, hat durch sein entt\u00e4uschendes Verhalten das bisherige Bild seiner Person in den Augen der anderen besch\u00e4digt. 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