{"id":13789,"date":"2022-03-11T09:06:41","date_gmt":"2022-03-11T08:06:41","guid":{"rendered":"https:\/\/crossculture-academy.com\/?p=13789"},"modified":"2024-03-07T22:27:27","modified_gmt":"2024-03-07T22:27:27","slug":"ihr-habt-die-uhr-wir-haben-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crossculture-academy.com\/de\/ihr-habt-die-uhr-wir-haben-die-zeit\/","title":{"rendered":"\u201eIhr habt die Uhr, wir haben die Zeit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crossculture-academy.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Time-is-money-47609449_m.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13790\" title=\"\"><figcaption><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Europ\u00e4er haben die Uhr, wir haben die Zeit\u201c, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Die Zeit flie\u00dft nur konstant dahin, solange man sie von Uhren abliest. Sobald wir aber verschiedenen T\u00e4tigkeiten nachgehen und nicht mehr auf die Uhr blicken, zeigt sich ihr unsteter Charakter. Manchmal scheint sich die Zeit zu dehnen und manchmal rast sie uns einfach davon. Zeit ist objektiv messbar, unser Zeitgef\u00fchl ist jedoch subjektiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut psychologischen Studien besteht das menschliche Zeitbewusstsein aus zwei Komponenten: Die eine ist das Gegenwartserleben, die andere das Gef\u00fchl der voranschreitenden Zeit. Kultur\u00fcbergreifende Studien zeigen, dass Menschen Inhalte etwa drei Sekunden lang in ihrem Bewusstsein festhalten k\u00f6nnen und dies als Gegenwart empfinden. Wir leben mit einem nat\u00fcrlichen Zeitgef\u00fchl, aber durch unsere kulturelle \u00dcberformung schaffen wir daf\u00fcr Einheiten, wie Sekunden oder Minuten oder auch einfach ein erworbenes Bauchgef\u00fchl: &#8222;Das dauert mir zu lange.&#8220; Wir bewerten Zeit. Das ist jedoch in jeder Kultur unterschiedlich ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Entstehung der westlichen Zeitvorstellung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere heutige westliche Zeitvorstellung ist eng mit der industriellen Revolution, dem Kapitalismus, aber auch dem Protestantismus, verst\u00e4rkt durch die Calvinisten, verbunden. Die niederl\u00e4ndischen und englisch-amerikanischen Puritaner entwickelten eine Heilslehre, die zu einer leistungsbetonten Grundauffassung von Arbeit f\u00fchrte. Der systematischen Ausnutzung der t\u00e4glich zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit sowie der Lebenszeit insgesamt wurde darin ein sehr hoher Stellenwert beigemessen. Fromme Menschen mussten durch ihr (berufliches) Streben beweisen, dass sie einmal f\u00fcr das Himmelreich vorgesehen sind. Das Ausruhen auf einmal erreichtem Besitz war hingegen verwerflich. Zeit zu vergeuden war die prinzipiell schwerste aller S\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund pr\u00e4gte Benjamin Franklin, einer der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der Vereinigten Staaten von Amerika, den allseits bekannten Satz \u201eTime is money\u201c. Diese Doktrin des industriellen Zeitalters f\u00fchrte letztendlich zur Diktatur der Uhr, sei es in Form einer Stechuhr in der Fabrik oder der Armbanduhr des Vorgesetzten. In Deutschland verband sich diese Abh\u00e4ngigkeit von der Zeit zudem mit den preu\u00dfischen Tugenden von Flei\u00df, Disziplin und Ordnungssinn. Bis heute gilt im Job als potenziell erfolgreich, wer viel, lange und diszipliniert arbeitet. Morgens p\u00fcnktlich zu kommen, ist ein Muss. Wer jedoch p\u00fcnktlich nach Hause geht, kann weder besonders gut noch ausreichend flei\u00dfig und strebsam sein. Dass jemand seinen Job hervorragend erledigt hat und deshalb mit gutem Gewissen fr\u00fch nach Hause geht, wird im Allgemeinen eher nicht erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unserer westlichen Auffassung stehen jedoch sehr gegens\u00e4tzliche Zeitvorstellungen in anderen Kulturen gegen\u00fcber. Ein literarisches Thema ist beispielsweise der Reisende, der von Westeuropa kommend nach S\u00fcd- oder Osteuropa oder auch in arabische Gefilde reist und auf dem Weg dorthin feststellt, dass die Zeit langsamer und langsamer zu verstreichen scheint, je weiter s\u00fcdlich oder \u00f6stlich er vordringt. Wie kann das sein?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Monochron oder polychron?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die interkulturelle Forschung bietet einige interessante Erkenntnisse \u00fcber die unterschiedlichen Zeitkonzepte in verschiedenen Kulturen weltweit. So unterscheidet der britische Wissenschaftler Edward T. Hall zwischen monochronen und polychronen Kulturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr monochron denkende Westeurop\u00e4er und Amerikaner bedeutet Zeit die Dauer zwischen zwei Punkten. Man plant in die Zeit hinein und legt Schlusstermine fest. Fristen werden unbedingt eingehalten. Zeit wird dabei als lineares Kontinuum verstanden, das in gleich gro\u00dfe Einheiten aufgeteilt ist. Zeit l\u00e4sst sich in \u201eScheiben\u201c schneiden. Zeit l\u00e4uft ab, ist immer gleich und was weg ist, ist weg. Zeit bedeutet auch Entwicklung nach vorne. Man unterscheidet stark zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei der Schwerpunkt immer auf der Zukunft liegt. Die Toleranz gegen\u00fcber St\u00f6rungen im Zeitablauf ist gering, denn nicht genutzte Zeit wird als Zeitverschwendung und damit als Verlust betrachtet, der sich weit in den geplante Zukunft hineinziehen kann. Zeit ist ein wertvolles Gut. \u201eTime is money!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In polychronen Kulturen (z.B. Asien, Arabische Welt, S\u00fcdeuropa) werden die eigenen Handlungsabsichten \u00fcber verschiedene Ebenen gezogen, von denen immer mehrere gleichzeitig verfolgt werden k\u00f6nnen. Es besteht eine hohe zeitliche Flexibilit\u00e4t, was die Uhr anzeigt, ist oft Nebensache. Unterbrechungen w\u00e4hrend einer Handlung werden toleriert, weil man schnell zu einer anderen Handlung \u00fcberwechseln kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So l\u00e4sst sich beispielsweise beim Einkauf in einer italienischen Metzgerei beobachten, wie die Verk\u00e4uferin hinter der Theke einfach mehrere Kunden gleichzeitig bedient. W\u00fcnscht der erste Kunde in der Schlange Mail\u00e4nder Salami, wird sie im Laden fragen, ob noch ein anderer Kunde von dieser Salami m\u00f6chte. Dann wird sie f\u00fcr mehrere Kunden hintereinander Salami in unterschiedlicher Menge aufschneiden. Der erste Kunde wartet geduldig, bis sie damit fertig ist. Erst dann nennt er seine weiteren W\u00fcnsche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine deutsche Verk\u00e4uferin w\u00e4re mit diesem System sehr bald hoffnungslos \u00fcberfordert. Ein deutscher Kunde w\u00fcrde sich schlecht bedient f\u00fchlen, wenn er warten m\u00fcsste, bis die Verk\u00e4uferin auch noch f\u00fcr alle Kunden, die nach ihm ins Gesch\u00e4ft gekommen sind, Salami aufschneidet. In polychronen Kulturen ist diese Parallelit\u00e4t der Handlungen kein Problem, der erste Kunde wird wahrscheinlich in der Zwischenzeit telefonieren oder mit einem anderen Kunden ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zyklische Zeit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Asien und Afrika ist Zeit zudem zyklisch. Hier liegt der Fokus auf dem Kreislauf der Natur, alles wiederholt sich, alles kehrt wieder: Tag und Nacht, die Jahreszeiten und auch das Leben in Form von Wiedergeburten. Der Umgang mit der Zeit ist daher sehr viel entspannter. Denn es gilt die Einstellung: Morgen ist auch noch ein Tag. Vergangene Zeit wird weder als Verlust noch als Verschwendung erlebt. Man lebt vor allem in der Gegenwart und nimmt die Dinge, wie sie kommen. Es wird wenig in die Zukunft geplant.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zeitempfinden in 31 L\u00e4ndern<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der amerikanische Wissenschaftler Robert Levine ist dem weltweiten Ph\u00e4nomen des unterschiedlichen Zeitgef\u00fchls und Lebenstempos auf den Grund gegangen und hat in 31 L\u00e4ndern identische Experimente durchgef\u00fchrt. In Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen wurde gemessen, wie schnell zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Menschen auf einem Abschnitt von 20 Metern laufen. Genauso wurde getestet, in welcher Zeit man auf der Post eine Briefmarke mit passendem Wechselgeld erh\u00e4lt, wenn man mit einem gro\u00dfen Schein bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Levine kam zu dem Ergebnis, dass Wohlstand und Grad der Industrialisierung die wichtigsten Determinanten f\u00fcr das an einem Ort vorherrschende Tempo bilden. Die schnellsten Menschen wurden in den reichen nordamerikanischen, nordeurop\u00e4ischen und asiatischen Nationen mit einer gut funktionierenden Wirtschaft angetroffen. Die langsamsten in L\u00e4ndern der Dritten Welt, besonders in S\u00fcd- und Mittelamerika und im Nahen Osten. Daneben spielen die Temperaturen eine Rolle. Hei\u00dfere Orte haben auch ein langsameres Tempo. Hier scheinen die Menschen nach einer langsamer laufenden inneren Uhr zu leben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zeit und soziale Orientierung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber noch eine weitere kulturelle Pr\u00e4gung trennt den westlichen Kulturkreis vom s\u00fcdlichen und \u00f6stlichen Rest der Welt. Menschen mit linearem zeitlichem Denken weisen meist auch eine individualistische Orientierung in der Gesellschaft auf. Denn legen die Menschen mehr Wert auf Leistung, entwickeln sie sich Ich-bezogener. Ihr Fokus auf die eigene Leistung f\u00fchrt zu einer nat\u00fcrlichen Zeit-ist-Geld-Einstellung, die wiederum in den Zwang m\u00fcndet, jeden Augenblick optimal nutzen zu m\u00fcssen. Es bleibt weniger Zeit f\u00fcr zwischenmenschliche Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zirkul\u00e4re Denken ist hingegen mehr in kollektivistisch orientierten Gesellschaften zu finden. Menschen mit einer kollektivistischen Orientierung sind in der Regel in ein System der Gro\u00dffamilie integriert, in dem das Gemeinschaftsdenken einen hohen Stellenwert hat. Hier legt man mehr Wert auf die Zugeh\u00f6rigkeit als auf die individuelle Leistung. Deshalb k\u00f6nnen sich die Menschen dieser Kulturen auch eine lockerere Haltung zur Zeit \u201eleisten\u201c. Der Grundsatz \u201eZeit ist Geld\u201c findet fast keine Anwendung, er kann sogar umformuliert werden in \u201eGemeinschaft braucht Zeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zeigt sich beispielsweise sehr deutlich in allt\u00e4glichen Kommunikationsmustern. Wenn ein Deutscher seinen Kollegen anruft, nennt er in der Regel kurz angebunden seinen Namen und kommt mit dem zweiten Satz sofort und direkt zur Sache. Ruft jedoch ein S\u00fcdeurop\u00e4er seinen Kollegen an, dann fragt er grunds\u00e4tzlich zuerst: \u201eWie geht es dir? Was machst du so?\u201c Der eigentliche Grund des Anrufs wird erst nach einer Weile genannt. Man nimmt sich Zeit f\u00fcr ein beziehungsorientiertes Gespr\u00e4ch. Der erste Kommunikationsstil ist linear und direkt und dauert vielleicht nur eine Minute, der zweite ist zirkul\u00e4r und indirekt \u2013 und dauert entsprechend l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wer braucht P\u00fcnktlichkeit?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die P\u00fcnktlichkeit hat in verschiedenen Kulturen eine ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. W\u00e4hrend es bei uns als unh\u00f6flich und unverzeihlich interpretiert werden w\u00fcrde, wenn ein Gesch\u00e4ftspartner zu einem Termin unentschuldigt drei Stunden zu sp\u00e4t kommt, gilt beispielsweise in Indonesien die \u201ejam karet\u201c, die \u201eGummizeit\u201c. Zeit ist dehnbar. Versp\u00e4tet sich der Gesch\u00e4ftspartner, weil er zuf\u00e4llig auf der Stra\u00dfe einen alten Bekannten getroffen hat, wird diesem Ereignis in Indonesien ein h\u00f6herer Stellenwert beigemessen als dem Zeitablauf nach der Uhr. Zu seinem Termin kann man immer noch gehen, seinen alten Bekannten trifft man jetzt in diesem Moment durch einen gl\u00fccklichen Zufall. Die Wertsch\u00e4tzung wird anders ausgelegt, man l\u00e4sst den Bekannten nicht einfach stehen, blo\u00df weil etwas im Terminkalender steht. Mit Unh\u00f6flichkeit oder Geringsch\u00e4tzung dem Wartenden gegen\u00fcber hat das nichts zu tun. Er wird daf\u00fcr Verst\u00e4ndnis haben, denn es bleibt einfach immer Spielraum f\u00fcr Unvorhergesehenes. Zeit und P\u00fcnktlichkeit werden den Ereignissen des Tages untergeordnet. Es wird die Kultur des Augenblicks gelebt, das Hier und Jetzt, die Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der deutsche Gesch\u00e4ftspartner mit seiner monochronen Zeitstruktur blickt hingegen entr\u00fcstet auf den durch den geplatzten Termin durcheinander geworfenen Tagesplan, die verlorene Zeit und er empfindet dies als unzumutbare Belastung. H\u00e4tte er selbst auf dem Weg zum Gesch\u00e4ftstermin einen alten Bekannten getroffen, h\u00e4tte er vermutlich gesagt: \u201eWas ein Zufall, dich nach all den Jahren zu sehen. Ich hab aber leider gerade gar keine Zeit, ich muss dringend zu einem Meeting. Lass uns doch irgendwann mal telefonieren! Ich rufe dich an, wenn mehr Zeit ist!\u201c Und bei diesem guten Vorsatz w\u00e4re es vermutlich geblieben. In unserer westlichen Kultur g\u00f6nnen sich nur kleine Kinder den Luxus des Zeitverlustes, wenn sie sich etwa beim Spielen ungest\u00f6rt treiben lassen und ganz bei sich sind. Im Laufe der Jahre findet dann jedoch der Erziehungsprozess statt, in dem sie lernen, ihre Bed\u00fcrfnisse aufzuschieben und wichtigeren Dingen des Lebens unterzuordnen. \u201eNicht jetzt, sp\u00e4ter vielleicht!\u201c \u2013 eine Reaktion, die in unserer kulturellen Pr\u00e4gung fest verankert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Asiate, Russe oder auch S\u00fcdeurop\u00e4er hingegen w\u00fcrde es als \u00e4u\u00dferst unh\u00f6flich empfinden, wenn er vielleicht wegen einer Versp\u00e4tung des Fliegers vier Stunden zu sp\u00e4t im deutschen Unternehmen ankommt und dann von seinem Gesch\u00e4ftspartnern erst einmal links liegen gelassen wird, weil dieser jetzt leider einen anderen wichtigen Termin im Kalender stehen hat. Der Besucher mit einer polychronen Zeitstruktur empfindet dieses \u201esture\u201c Verhalten nach dem Terminkalender als Geringsch\u00e4tzung seiner Person, denn jetzt ist er da. Die Gelegenheit, nun miteinander zu sprechen, ist doch wichtiger als das was auf der Agenda steht. Papier ist geduldig, das Hier und Jetzt ist kostbar.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Status bestimmt, wer wartet<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend es einem Indonesier wahrscheinlich nichts ausmacht, auf seinen Gespr\u00e4chspartner zu warten, wird der russische Gesch\u00e4ftsmann die Tatsache des Wartens auch mit der Statusfrage verkn\u00fcpfen. In vielen Gesch\u00e4ftskulturen l\u00e4sst man seinen Gesch\u00e4ftspartner im Konferenzraum absichtlich warten, um seine pers\u00f6nliche Macht zu demonstrieren. Der Status bestimmt, wer geduldig zu warten hat und wer sich ein Zusp\u00e4tkommen erlauben darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genauso kann es als Wertsch\u00e4tzung betrachtet werden, wenn der potenzielle Gesch\u00e4ftspartner einem schlie\u00dflich seine Zeit und damit seine volle Aufmerksamkeit schenkt. In polychronen Kulturen, in denen die Menschen viele Dinge gleichzeitig tun, werden Gesch\u00e4ftsleute jedoch im Meeting nebenbei E-Mails lesen und SMS senden. Die geteilte Aufmerksamkeit kann je anderem kulturellen Hintergrund dann leicht als Missachtung interpretiert werden, obwohl dies gar nicht so gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Von Stress und Langeweile<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Mangel an Zeit kann eine Implikation haben: Wer wenig Zeit hat, gilt in der westlichen Gesch\u00e4ftskultur als erfolgreich und gefragt. Die Lebens- und Denkart derer, die diese Hetze nicht erstrebenswert finden, ist bei uns hingegen negativ behaftet. Deshalb wird nach au\u00dfen gezeigt, dass man wenig Zeit hat und stets im Stress ist. Gleichzeitig w\u00fcrde zu viel Zeit unweigerlich zu Langeweile f\u00fchren, ebenfalls ein negativ belegter Zustand. Freie Zeit wird grunds\u00e4tzlich mit Aktivit\u00e4ten gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Ostasien hingegen wird ein Gef\u00fchl der Zeitlosigkeit, das Nirvana, trainiert. So wurde ein in Meditation erfahrener Zen Meister einmal von einem Europ\u00e4er gefragt, warum er trotz seiner vielen Aufgaben so viel Ruhe und Kraft ausstrahle und gar nicht gestresst wirke. Er antwortete: \u201eWenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich.\u201c Da fiel ihm der Europ\u00e4er ins Wort und sagte: \u201eDas tun wir doch auch. Aber was machst du sonst noch?\u201c Er aber sagte zu ihm: \u201eNein. Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Vorausschauendes Denken versus Improvisationstalent<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Struktur der modernen westlichen Arbeitswelt f\u00f6rdert das vorausschauende Denken. Es wird stets in die Zukunft geplant, Entwicklungen werden vorausgesagt, Karrierepfade verfolgt. Erfolgreiche Manager handeln proaktiv. Die Gegenwart ist dementsprechend immer hektisch. Eine stetige Zeitnot macht uns Gelassenheit nahezu unm\u00f6glich. Zwar gibt es das neue Thema \u201eEntschleunigung\u201c, dies ist aber eigentlich nur der Freizeit vorbehalten.<br>In polychronen Kulturen wird weniger geplant, weil weniger in die Zukunft geschaut wird. Wer mehr im Hier und Jetzt lebt, nimmt Probleme im Arbeitsablauf wie sie kommen. Improvisationstalent und Flexibilit\u00e4t sind hier die herausragenden Eigenschaften, die eine gute F\u00fchrungskraft auszeichnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Unterschiedliche Zeitkonzepte im internationalen Business<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Zusammenarbeit zwischen monochronen und polychronen Teammitgliedern sind Missverst\u00e4ndnisse vorprogrammiert. W\u00e4hrend die einen alles genau durchplanen und schnell voranschreiten m\u00f6chten, werden die anderen lieber schauen, was denn das Projekt heute tats\u00e4chlich f\u00fcr Schwierigkeiten aufwirft. In der westlichen Arbeitswelt triumphieren Zielstrebigkeit und das lineare Zeitdenken. In der \u00f6stlichen Arbeitswelt herrscht vielerorts eher Eile mit Weile.<br>Ein ausgewogener Zeitrhythmus, in dem neben H\u00f6chstleistungen auch einmal die Kultur des Augenblicks gelebt wird, ist sicherlich f\u00fcr uns im internationalen Business ein durchaus erstrebenswerter Erfolgsfaktor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Autorin<\/em><\/strong><em>: Katrin Koll Prakoonwit<\/em>&nbsp;\u2013&nbsp;<em>Bevor sie sich als Journalistin selbst\u00e4ndig machte, schrieb&nbsp;Katrin Koll Prakoonwit&nbsp;L\u00e4nderanalysen f\u00fcr die FAZ. Heute arbeitet sie f\u00fcr Publikationen verschiedener Beratungsunternehmen und Verlage. Frau Koll Prakoonwit lebt in Reading, Berkshire, bei London.<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Europ\u00e4er haben die Uhr, wir haben die Zeit\u201c, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Die Zeit flie\u00dft nur konstant dahin, solange man sie von Uhren abliest. 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