Kulturelle Unterschiede Südkorea

In keinem Land Ostasiens besteht ein so großes Interesse an Deutschland wie in Südkorea. Für Deutsche, die mit Koreanern Geschäfte machen möchten, ist es daher vorteilhaft, die folgenden Fakten im Hinterkopf zu behalten: Historisch betrachtet entwickeln sich Beziehungen zwischen Deutschland und Korea bereits seit mehr als 125 Jahren. Mit dem deutsch-koreanischen Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsvertrag wurde 1883 der Grundstein gelegt für einen sich stetig intensivierenden Austausch, der spätestens seit Ende des Koreakrieges (1950-53) als eng und vertrauensvoll bezeichnet werden kann.

Westdeutschland trug durch Kapitalhilfen in den 1960er und 70er Jahren erheblich zur Schaffung der Grundlagen des koreanischen Wirtschaftswunders bei -Südkorea entwickelte sich von einem der ärmsten Länder in den 50er Jahren zur heute 14.-größten Volkswirtschaft der Welt. Wegen seiner leistungsstarken Wirtschaft und seines ausgeprägten technologischen Knowhows ist es für Deutschland der drittwichtigste Absatzmarkt in Asien. In umgekehrter Richtung ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Koreas in Europa.

Die bilateralen politischen Beziehungen gründen sich in erster Linie auf die von koreanischer Seite stark empfundene historische Gemeinsamkeit der Länderteilung. Über Jahrzehnte ist Deutschlands Weg zur Wiedervereinigung und seine weitere Entwicklung nach 1989 aufmerksam verfolgt worden.

Deutsche klassische Musik, Literatur und Philosophie sind den meisten Koreanern gut bekannt. Und Vertreter der älteren Generation sprechen oft einige Floskeln deutsch, denn bis in die Mitte der 70er Jahre war Deutsch anerkannte Wissenschaftssprache und wurde an allen Ober- und Hochschulen Koreas unterrichtet.

Diese positiven Assoziationen mit Deutschland können deutschen Managern den Einstieg in die fremde koreanische Geschäftswelt erleichtern, zumindest dann, wenn sie die wesentlichen kulturelle Leitdimensionen kennen und einige Spielregeln beachten.

Beziehungsorientierung – Gut, wenn man sich kennt

Im Gegensatz zur ausgeprägten Sachorientierung der Deutschen steht bei den Koreanern die Beziehungsebene im Vordergrund. Rein geschäftsmäßige Bekanntschaften, die nur erfolgs- und zielorientiert sind, werden abgelehnt. Das sogenannte Gibun steht an erster Stelle. Das bedeutet, die zwischenmenschliche Atmosphäre muss stimmen und gegenseitiges Verständnis für den Charakter und die persönliche Situation sollte gegeben sein.

Zum Aufbau einer Vertrauensbasis und zur Pflege guter persönlicher Beziehungen wird daher ein enormer Aufwand betrieben. Koreanische Manager verbringen mit ihren Geschäftspartnern viel Zeit außerhalb des Büros: Ausgiebige Abendessen und anschließende Barbesuche, bei denen viel getrunken und gemeinsam gesungen wird, stehen ebenso auf der Agenda wie aufwändige Unterhaltungsprogramme und gemeinschaftliche Golfpartien.

In der Konversation werden bei diesen Anlässen unmittelbar geschäftsbezogene Themen ausgeklammert und persönliche Aspekte in den Vordergrund gestellt. Für Koreaner ist dabei das Feststellen von Gemeinsamkeiten zwischen den Geschäftspartnern von großer Bedeutung. Berührungspunkte mit deutschen Partnern könnten z. B. sein: Der Deutsche kommt aus einer Region, in der sein koreanisches Gegenüber beruflich tätig war. Der Koreaner kennt Deutschland von einer Europareise. Beide betreiben die gleiche Freizeitaktivität.

Auf diese Weise kommt es zwangsläufig zu einer viel stärkeren Überschneidung persönlicher und beruflicher Beziehungen als es deutsche Geschäftsleute normalerweise gewohnt sind. Sie empfinden die direkten Fragen des koreanischen Gegenübers oft als Eindringen in ihre Privatsphäre. Den Koreanern hingegen dienen die so gewonnenen Informationen in erster Linie zur Status-Einordnung ihres Gesprächspartners.

Hierarchieorientierung – Jeder an seinem Platz

Die koreanische Gesellschaft ist nämlich stark hierarchisch gegliedert, und auch im Geschäftsalltag sind die Beziehungen durch die Rangunterschiede der Interaktionspartner charakterisiert. Zu den wesentlichen Statuskriterien zählen neben Alter, Geschlecht und familiärem Hintergrund auch der Bildungsgrad, die Position in der Firmenhierarchie und die Länge der Betriebszugehörigkeit. Da jeder nur die Handlungen ausführt bzw. die Äußerungen macht, die ihm aufgrund seiner Position und Rolle zustehen, ist eine schnelle hierarchische Einordnung des Gegenübers für Koreaner sehr wichtig.

Bei einer Erstbegegnung ist es für Koreaner deshalb normal, direkt nach Stellung, Alter, Einkommen oder Familienstand des Gegenübers zu fragen. Gleichzeitig spielt der nahezu zeremoniell anmutende Austausch von Visitenkarten dabei eine bedeutende Rolle. Mit einer leichten Verbeugung wird die Karte wird für das Gegenüber lesbar mit beiden Händen überreicht und ebenso entgegengenommen. Die erhaltene Visitenkarte sollte „mit Respekt behandelt werden“. Das heißt, ihr Inhalt wird zunächst ausgiebig studiert, bevor die Karte vorsichtig eingesteckt werden darf. Hauptzweck des Visitenkartentauschs ist es, die Stellung des Gegenübers innerhalb des Unternehmens zu identifizieren und sein eigenes Verhalten dementsprechend auszurichten. Für deutsche Geschäftsleute ist Beachtung der komplexen und schwer verständlichen Hierarchiestufen der koreanischen Geschäftswelt von großer Wichtigkeit, da in der Regel nur auf gleicher Ebene verhandelt wird.

Besonders in offiziellen Situationen stehen formelle Regeln eindeutig über inhaltlichen. Zu den Grundvoraussetzungen für den geschäftlichen Erfolg zählt neben einem gepflegten Äußeren auch die angemessene Kleidung, die für Business-Treffen stets in einem dunklen Anzug und blankgeputzten wertigen Schuhen besteht. Obwohl sich die Koreaner im Allgemeinen eher zurückhaltend geben, sind in der Geschäftswelt Statussymbole von Bedeutung: Designer-Kleidung, Geschäftswagen der gehobeneren Klasse, Titel und Mitgliedschaften in Clubs oder Vereinen. Da Status und Erscheinungsbild dazu dienen, den Geschäftspartner einzuordnen und zu beurteilen, sollten deutsche Geschäftsleute ihren eigenen Status ebenfalls in den Mittelpunkt rücken.

Gruppenorientierung – Wir geht vor

Koreaner betrachten sich nicht als unabhängige Einzelwesen, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt ihre Identität, Meinung und Verhaltensweisen. Gruppen sind auf Dauer angelegt und tragen oft ein Leben lang. Allen Gruppen voran steht die Zugehörigkeit zur eigenen Nation. Ein Koreaner definiert sich selbst als Mitglied des koreanischen Volkes, ? in Südkorea leben 48 Millionen, in Nordkorea 22 Millionen Menschen. Und auch die sechs Millionen Koreaner, die in zweiter bis sechster Generation in China, Amerika, Japan, der ehemaligen Sowjetunion und in Europa leben, werden als Teil der koreanischen Volksgemeinschaft gedanklich stets mit eingeschlossen. Koreaner sind immer als Vertreter Koreas und im Auftrag ihres Landes unterwegs und wollen etwas leisten für ihre Nation. Das heißt auch, dass sie vor Ausländern niemals schlecht über ihr Land sprechen würden und Kritik daran extrem persönlich nehmen.

Innerhalb der koreanischen Gesellschaft definieren sich Gruppenmitgliedschaften insbesondere über folgende Zugehörigkeiten: Familie bzw. Clan, Herkunftsregion bzw. -ort, Universität, Unternehmen, Kirche, Freizeit-Clubs. Innerhalb einer Gruppe bestehen Verständnis, bedingungslose Unterstützung und Loyalität; Menschen der eigenen Gruppe werden bevorzugt, Fremde häufig ausgeschlossen. Gruppenorientierung bedeutet aber auch, dass individuelle Meinungen, Bedürfnisse und Ziele denen der Gemeinschaft untergeordnet werden müssen.

Koreanische Unternehmen fördern das Wir-Gefühl und die Identifikation mit dem Arbeitgeber gezielt durch vielfältige Maßnahmen, wie zum Beispiel firmeneigene Kleidung, eine Betriebshymne oder Sportmannschaften. Innerhalb einer Abteilung geht der Vorgesetzte mit seinen Mitarbeitern regelmäßig nach Feierabend essen und oft wird anschließend gemeinsam kräftig gezecht. Kein Koreaner käme dabei auf die Idee, sich ohne wirklich triftigen Grund von diesen Aktivitäten auszuschließen.

Westliche Manager und Geschäftsleute sollten sich sehr darum bemühen, in Gruppen aufgenommen zu werden und in diesen aktiv zu sein. Denn in der schnelllebigen Wirtschaftswelt kann jederzeit Unvorhergesehenes passieren, und dann hängen Kulanz und Verlässlichkeit eventuell vom Vertrauen zum Geschäftspartner ab. Dies bedeutet zwangsläufig, weniger stark zwischen Freizeit und Arbeit zu trennen, als man es aus Deutschland gewohnt ist, und Einladungen zu gemeinsamen Aktivitäten wie Bergtouren, Golfrunden oder Landpartien zu folgen, auch wenn sie am Wochenende stattfinden oder erst einige Stunden vor dem Event ausgesprochen werden.

Situationsorientierung – Veränderung ist das Normale

Zeit- und Handlungsplanung ist in Korea kurzfristiger und flexibler als in Deutschland. Absprachen, Regeln und Verträge haben einen geringeren Verpflichtungsgrad. Sie sind nicht starr, sondern von Menschen geschaffen und können daher den äußeren Umständen entsprechend auch wieder revidiert werden. Persönliche Kontakte werden häufig höher bewertet als Termine und beeinflussen den Tagesablauf. Bei veränderter Sachlage werden zuvor getroffene Entscheidungen kurzerhand umgeworfen, oft ohne alle Betroffenen zu informieren.

Deutsche nehmen diese Art der Spontaneität häufig als Unzuverlässigkeit wahr. Sie ärgern sich über scheinbare Unpünktlichkeit, Terminverschiebungen oder Terminabsagen der Koreaner, ohne zu bedenken, dass es gerade diese extreme Flexibilität ist, die es den Koreanern ermöglicht, auch sehr kurzfristig auf eine veränderte Marktlage oder zusätzliche Kundenwünsche einzugehen.

Bei Kooperationen zwischen Deutschen und Koreanern treffen zwei grundsätzlich unterschiedliche Arbeitsstile aufeinander: Für deutsche Geschäftsleute besteht Effizienz in einer gründlichen Vorbereitung, Diskussion und Planung, die viel Zeit im Anspruch nimmt. Sind daraus resultierende Absprachen einmal verbindlich getroffen, halten sich die Beteiligten normalerweise daran. Per Einsicht in die Notwendigkeit bestimmter Regeln kontrolliert sich jedes Individuum weitgehend selbst. Für Koreaner hingegen heißt effizient arbeiten, in erster Linie schnell arbeiten. Ist etwas geschäftlich dringlich, bleibt die Arbeitsgruppe abends länger im Büro arbeitet auch am Wochenende und findet es völlig normal, auf geplanten Urlaub zu verzichten.

Um erfolgreich mit Koreanern zusammenzuarbeiten, ist es ratsam, plötzliche Änderungen nicht auf sich zu beziehen, sondern als Eigenart der Koreaner zu akzeptieren. Wer nicht auf vermeintlich festgelegten Regeln und persönlichen Plänen beharrt, spart sich Frustrationen. Eine bis dahin harmonische Geschäftsbeziehung wird merklich Schaden nehmen, wenn die deutsche Seite sich lautstark über die Änderungen echauffiert, den Koreanern Vorwürfe macht und gar mit einem Anwalt droht, statt einen gemeinsamen Bekannten als Vermittler zu nehmen, wenn Absprachen oder Verträge nicht eingehalten werden.

Koreaner sind Koreaner, nicht Chinesen oder Japaner

Zugegeben, aus westlicher Perspektive weisen die drei ostasiatischen Länder China, Japan und Korea hinsichtlich ihrer Kulturstandards durchaus starke Ähnlichkeiten auf, schon die Lektüre der entsprechenden Beiträge auf dieser Website bestätigt dies.

Allerdings ist das kein Grund, dies auch laut zu äußern. Wer die Sympathien seiner koreanischen Geschäftspartner verspielen möchte, stelle zwischen Korea, Japan und China Vergleiche an, bei denen Korea schlechter abschneidet als seine beiden Nachbarländer. Alternativ kann man auch bei der oft gestellten Frage, wie einem Korea gefalle, auf seine China- oder Japan-Erfahrung verweisen und anmerken, mit den kulturellen Besonderheiten Ostasiens sei man bereits von dorther vertraut.

Blicken Koreaner auf die Landkarte, dann sehen sie ein kleines Land zwischen zwei Supermächten. Dies führt zu einer aufgrund historischer Vorfälle durchaus berechtigten latenten ständigen Angst, zwischen Japan und China aufgerieben zu werden, wirtschaftlich und auch kulturell. Für die Koreaner mit ihrem ausgeprägten Nationalstolz ist es bestürzend, stets aufs Neue feststellen zu müssen, dass Korea außerhalb Asiens kaum wahrgenommen wird. Dabei haben sie allen Grund, stolz zu sein auf das sogenannte „Wunder am Han-Fluss“, denn heutzutage werden Auto- und Schiffbau, Halbleiterherstellung, digitale Elektronik, Stahl und Petrochemie als Schlüsselindustrien genannt, und jeder Koreaner weiß, auf welchem Platz im internationalen Vergleich man sich aktuell befindet.

Wer also bei Koreanern Anerkennung finden will, bereite für seinen Aufenthalt nicht nur die eigenen Geschäftsunterlagen vor, sondern beschäftige sich auch eingehender mit der Wirtschaft, Kultur und Sprache Koreas. Ein wenig Landeskenntnis und einige einfache Sätze auf Koreanisch waren schon oft der Auftakt einer tragfähigen Geschäftsbeziehung.

Mitarbeiterin der crossculture academy

Thema anfragen